Das verschobene Gespräch: Warum wir Konflikte lieben, solange wir sie nicht führen müssen
Zwei Führungskräfte sprechen mit Christoph Maria Michalski darüber, warum sie ihre Konflikte genau kennen und trotzdem nicht führen. Die Folge legt die Ausgangslage für die sechs Wegpunkte der Methode Streiten mit System.
„Wie viele der Konflikte, die ihr gerade wirklich habt, habt ihr in den letzten vier Wochen angepackt?“ Antwort eins: keinen. Antwort zwei: einen halben.
Zwei Führungskräfte sagen in dieser Folge Dinge, die echte Chefs denken, aber nie zugeben. Über laminierte Leitbilder, gebuchte Workshops und die Erkenntnis, dass wir nicht von der Konfrontation müde werden, sondern von der Vermeidung.
In dieser Folge
- Das laminierte Leitbild in der Küche — „solange es da hängt, muss ich es nicht machen“
- Warum der Ersatz satt macht: Wir reden über Konflikte, damit wir sie nicht führen müssen
- Das Universum als bester Mitarbeiter, der jede Woche eine plausible Ausrede rüberschiebt
- Die zwei Ängste dahinter: „Vielleicht bin ich das Problem“ und „Dann mag sie mich nicht mehr“
- „Ich bin nicht nett. Ich bin bequem.“ — der Satz, der alles dreht
- Besonnenheit als Tarnung: Aufschieberei in einem teuren Anzug
- Die Rechnung, die keiner macht: 30 unangenehme Minuten gegen vier Monate Dauerlast
- Höflichkeit, die kein Frieden ist, sondern eingefrorener Krieg
- Der Bademeister, der nicht schwimmen kann
- Und am Ende: der kleinste erste Schritt, den sich beide gerade so eben zutrauen
Kapitel
- 1:57 Die unhöfliche Frage
- 3:45 Das laminierte Leitbild
- 5:19 Der Ersatz macht satt
- 6:06 Immer kommt etwas Wichtigeres
- 7:12 Flucht in alles, was kälter ist als ein Mensch
- 8:15 Die Angst dahinter
- 10:04 „Dann mag sie mich nicht mehr“
- 11:14 „Ich bin nicht nett. Ich bin bequem.“
- 11:52 Besonnenheit als Tarnung
- 12:54 Was ist das Schöne am Aussprechen?
- 14:09 Die Vermeidung ist Vollzeit
- 15:20 Ein eingefrorener Krieg, der Höflichkeit heißt
- 16:20 Stolz, Eitelkeit und Image
- 17:47 Der Bademeister, der nicht schwimmen kann
- 18:37 Wissen schützt nicht
- 21:48 Der kleinste erste Schritt
- 23:37 Das Fazit
Transkript
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Intro
MICHI: Was wäre, wenn du dich auf deinen nächsten Streit freuen könntest? Nicht, weil du gewinnst. Sondern weil du endlich weißt, was du tust. Das hier ist „Streiten mit System“ – der Konflikt-Podcast. Ich bin Christoph Maria Michalski. Alle sagen dir, WAS du tun sollst. Ich zeige dir, WIE es geht. Hör mal kurz in dich rein. Es gibt da dieses eine Gespräch. Du weißt sofort, welches. Das, das du seit Wochen vor dir herschiebst. An das du beim Einschlafen denkst und am nächsten Morgen wieder verschiebst – weil heute gerade etwas Wichtigeres dazwischenkam.
MICHI: Schon wieder. Willkommen. Das hier ist die erste Folge, und ich verspreche dir: Sie wird unbequem. Im guten Sinn. Denn wir reden alle gern über Konflikte. Wir lesen Bücher darüber, buchen Seminare, hängen uns „offene Feedbackkultur“ an die Wand. Aber in dem Moment, wo es praktisch werden soll – wo es um das echte Gespräch mit dem echten Menschen geht: Da schiebt sich plötzlich immer etwas davor. Und keiner traut sich zu sagen, warum.
MICHI: Genau da gehen wir heute hin. Ich habe zwei Führungskräfte eingeladen, die ehrlicher sind, als man es im echten Leben sein dürfte: eine Unternehmerin und einen Personalleiter. Und die sprechen aus, was die meisten denken und keiner zugibt. Wenn dir diese Folge an einer Stelle ein bisschen eng im Brustkorb wird – dann bist du genau richtig. Dann reden wir über dich. Los geht’s.
MICHI: Übrigens: Die Stimmen meiner Gäste sind KI-generiert. Die Gedanken dahinter sind echt.
Die unhöfliche Frage
MICHI: Ihr seid beide hier, weil euch das Thema Konflikt interessiert. Sabine, du führst seit – wie lange?
SABINE: Elf Jahre. Übernommen vom Vater, der den Laden vierunddreißig Jahre lang mit der flachen Hand geführt hat.
MICHI: Elf Jahre. Thomas, du sitzt auf einer Abteilung mit fünfzig Leuten, Personalleiter eines Konzernteils. Und ihr beide habt Bücher über Konflikte gelesen, Seminare besucht, vermutlich auch mal einen Coach bezahlt.
THOMAS: Zwei. Coaches, meine ich.
MICHI: Zwei Coaches. Und jetzt die unhöfliche Frage: Wie viele der Konflikte, die ihr gerade wirklich habt – ungelöst, im Bauch? Ihr wisst genau, welche. Habt ihr in den letzten vier Wochen tatsächlich angepackt?
SABINE: Du sollst doch nicht so direkt sein! Das hattest du versprochen.
MICHI: Ich habe gar nichts versprochen.
SABINE: Ehrlich? In den letzten vier Wochen? Keinen.
THOMAS: Ich würde sagen … einen halben.
MICHI: Einen halben.
THOMAS: Ich habe angefangen. Ich bin in den Raum gegangen, ich hatte mir was zurechtgelegt, und dann haben wir über etwas anderes geredet, und es war auf einmal vorbei. Ich bin rausgegangen und dachte: Das war doch eigentlich ein gutes Gespräch. Und auf dem Flur ist mir aufgefallen, dass ich genau das Thema, weswegen ich reingegangen bin, nicht angesprochen habe.
MICHI: Du hast es umschifft.
THOMAS: Ich habe es so elegant umschifft, dass ich es selber nicht gemerkt habe. Das ist ja das Kunststück.
MICHI: Und das ist genau der Punkt, um den es in dieser ganzen Folge geht. Wir reden alle gern über Konflikte. Wir finden das Thema spannend. Es gibt kaum eine Führungskraft, die sagt: „Konflikte? Nein, interessiert mich nicht.“ Im Gegenteil.
Das laminierte Leitbild
SABINE: Es ist sogar schick geworden. „Konfliktfähigkeit.“ Steht in jeder Stellenausschreibung. Steht in meinem eigenen Leitbild, das ich teuer habe schreiben lassen.
THOMAS: „Wir leben eine offene Feedbackkultur.“
SABINE: Genau der Satz hängt bei uns laminiert in der Mitarbeiterküche.
MICHI: Und warum laminiert? Sag’s mal ehrlich.
SABINE: Weil’s gut aussieht. Weil ich, wenn ich das aufhänge, das Gefühl habe, ich hätte etwas getan. Ich habe es ja hingeschrieben! Da steht es. Schwarz auf weiß, laminiert, wischfest. Und solange es da hängt, muss ich es nicht machen.
MICHI: Das ist ein brutaler Satz.
SABINE: Ja, aber stimmt’s etwa nicht? Das Plakat ist die Entschuldigung dafür, dass das Gespräch nicht stattfindet. Ich habe ja Haltung gezeigt. An der Wand.
MICHI: Thomas, kennst du das auch?
THOMAS: Wir haben dafür Workshops. Bei uns wird Haltung nicht laminiert. Bei uns wird Haltung gebucht. Externe Trainer, schöner Tagungsraum, Flipchart, am Ende ein Foto fürs Intranet, alle lächeln. Und dann fahren alle nach Hause, und am Montag ist exakt nichts anders.
MICHI: Aber es fühlt sich an, als hätte man was getan.
THOMAS: Es fühlt sich grandios an. Du gehst da raus und denkst: Wir sind eine moderne Organisation. Wir reden über solche Sachen. Und genau dieses gute Gefühl ist das Problem. Weil es dich satt macht. Du hast keinen Hunger mehr auf das echte Gespräch, weil du dich schon am Ersatz sattgegessen hast.
Der Ersatz macht satt
MICHI: Halt das mal fest. Das ist gut. Der Ersatz macht satt. Wir reden über Konflikt, lesen über Konflikt, buchen Seminare über Konflikt – und all das ist ein wunderbares Sättigungsmittel, damit wir den echten Konflikt nicht führen müssen.
SABINE: Es ist wie Kochsendungen gucken statt kochen.
MICHI: Genau das.
SABINE: Ich habe acht Kochbücher und bestelle dreimal die Woche beim Lieferdienst. Und mit Konflikten ist es exakt dasselbe: volles Regal, leerer Teller.
MICHI: Jetzt will ich an den Kern. Ihr seid interessiert. Das ist ehrlich, das glaube ich euch sofort. Es ist keine Faulheit, es ist kein Desinteresse. Im Gegenteil: Ihr beschäftigt euch mehr mit dem Thema als die meisten.
Immer kommt etwas Wichtigeres
MICHI: Und trotzdem – in dem Moment, wo es praktisch werden soll, wo das konkrete Gespräch mit dem konkreten Menschen ansteht: Passiert was?
THOMAS: Dann kommt etwas Wichtigeres.
MICHI: Was Wichtigeres.
THOMAS: Immer. Es ist verblüffend zuverlässig. Ich habe mir vorgenommen, mit einem Teamleiter ein unangenehmes Gespräch zu führen. Seit – ehrlich – seit Februar. Und seit Februar ist jede Woche etwas wichtiger gewesen. Quartalsabschluss. Dann der Audit. Dann die Reorganisation. Dann hatte er Urlaub. Dann hatte ich Urlaub. Dann war er krank. Dann war wieder Quartalsabschluss.
MICHI: Und keine dieser Begründungen war gelogen.
THOMAS: Das ist ja der Trick! Keine einzige war erfunden. Der Audit war echt. Der Urlaub war echt. Ich musste nie lügen. Das Leben liefert mir die Ausreden frei Haus, in Premiumqualität, und ich muss sie nur dankbar entgegennehmen.
SABINE: Das Universum ist ein hervorragender Komplize.
THOMAS: Das Universum ist mein bester Mitarbeiter. Es schiebt mir zuverlässig jede Woche einen plausiblen Grund rüber.
Flucht in alles, was kälter ist als ein Mensch
MICHI: Sabine, bei dir auch? Du bist Chefin. Dir kann keiner reinreden. Du könntest theoretisch morgen früh sagen: So, jetzt.
SABINE: Theoretisch. Das „theoretisch“ ist ein wunderbares Wort. Bei mir ist es noch perfider, weil ich ja niemanden über mir habe, der mich zwingen könnte. Also muss ich mich selber davon abhalten, und das mache ich, indem ich mir Arbeit suche. Ich bin Weltmeisterin im Beschäftigtsein. Wenn ein schwieriges Gespräch ansteht, fällt mir plötzlich auf, dass die Maschine drei dringend gewartet werden muss und dass ich das persönlich mit dem Techniker besprechen sollte.
MICHI: Du flüchtest in die Maschine.
SABINE: Ich flüchte in alles, was kälter ist als ein Mensch. Maschinen, Zahlen, Excel, Lieferantenverträge – alles, was nicht zurückguckt. Ein Mensch guckt zurück. Eine Tabelle nicht. Und deswegen verbringe ich Stunden mit der Tabelle und drei Minuten mit dem Menschen, der mir eigentlich Sorgen macht.
Die Angst dahinter
MICHI: Jetzt müssen wir ehrlich werden. Sonst bringt diese Folge nichts. Wir haben jetzt die Mechanik beschrieben: Man ist interessiert, es wird praktisch, etwas Wichtigeres schiebt sich davor. Aber das ist ja nur die Oberfläche. Die Frage, die keiner laut stellt, ist: Warum lassen wir zu, dass sich das Wichtigere davorschiebt? Was schützt uns das eigentlich? Wovor?
THOMAS: Du willst, dass ich das jetzt ausspreche.
MICHI: Ich will, dass es einer ausspricht. Und du bist fiktiv genug, um dich zu trauen.
THOMAS: Stimmt. Ich habe ja nichts zu verlieren. Also gut. Die Wahrheit ist: Ich habe Angst. Nicht „Angst“ im großen, dramatischen Sinn, sondern dieses kleine, feige Ziehen im Bauch. Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich das Gespräch wirklich führe. Ich weiß, wie es jetzt ist. Es ist unangenehm, aber ich kenne es. Ich habe mich in dem unangenehmen Zustand eingerichtet wie in einem zu kleinen Schuh.
THOMAS: Tut weh, aber ich weiß, wo’s drückt. Und das Gespräch ist ein Schuh, von dem ich nicht weiß, ob er passt.
MICHI: Du weißt nicht, was du aufmachst.
THOMAS: Ich weiß nicht, was rauskommt, wenn ich den Deckel hebe. Vielleicht heult der Mann. Vielleicht kündigt er. Vielleicht sagt er mir Dinge über mich, die ich nicht hören will. Vielleicht stellt sich raus, dass ich das Problem bin. Solange ich das Gespräch nicht führe, kann ich glauben, dass er das Problem ist. In der Sekunde, wo ich rede, riskiere ich, dass die Antwort lautet: Du, Thomas.
MICHI: Das ist es. Das ist der Kern. Solange ich schweige, behalte ich meine Version der Geschichte.
SABINE: Und die ist immer schmeichelhafter.
„Dann mag sie mich nicht mehr“
MICHI: Sabine, was ist deine Angst? Bei dir, als Chefin?
SABINE: Meine ist anders. Thomas hat Angst, dass er das Problem ist. Ich habe Angst, dass ich nicht mehr gemocht werde.
MICHI: Sag mehr.
SABINE: Das ist so unglaublich uncool, das zuzugeben. Deswegen sage ich es. Ich bin die Chefin. Ich sollte cool sein, souverän, über den Dingen. Und in Wahrheit sitze ich da und denke: Wenn ich der Frau jetzt sage, dass ihre Arbeit nicht reicht, dann mag sie mich nicht mehr. Dann grüßt sie mich morgen anders. Dann ist die Stimmung im Betrieb anders. Und ich habe diesen Betrieb von meinem Vater übernommen.
SABINE: Der war ein Patriarch, den haben alle gefürchtet. Und ich wollte immer die sein, die man nicht fürchtet, sondern mag. Und dieser Wunsch, gemocht zu werden, macht mich als Führungskraft manchmal zum Feigling.
MICHI: Das ist ein mutiger Satz für jemanden, der gerade gesagt hat, sie sei feige.
SABINE: Paradox, oder? Aber so ist es. Mein Bedürfnis, gemocht zu werden, kostet meine Leute Klarheit.
„Ich bin nicht nett. Ich bin bequem.“
SABINE: Ich erspare mir das schlechte Gefühl, und denen erspare ich die Wahrheit – und das verkaufe ich mir dann als Nettigkeit. „Sabine ist so ein netter Chef.“ Ich bin nicht nett. Ich bin bequem. Das ist ein Unterschied.
MICHI: Halt, das ist groß! Sag das nochmal langsam.
SABINE: Nett wäre, dem Menschen die Wahrheit zuzumuten, weil ich ihm zutraue, dass er damit umgehen kann. Bequem ist, ihm die Wahrheit zu ersparen, weil ich mir das Gespräch ersparen will. Und ich habe jahrelang meine Bequemlichkeit als Freundlichkeit verkleidet.
Besonnenheit als Tarnung
MICHI: „Ich beobachte noch.“
THOMAS: Ein Klassiker. Ich beobachte seit Februar. Ich bin der David Attenborough der Konfliktvermeidung. Ich liege im Gebüsch und beobachte das Problem in seiner natürlichen Umgebung – und greife auf gar keinen Fall ein.
MICHI: Und das Problem wächst in der Zwischenzeit.
THOMAS: Das Problem hat Junge bekommen. Aus einem schwierigen Mitarbeiter sind inzwischen drei geworden, weil die anderen sehen, dass nichts passiert, und sich anstecken. Das ist das Gemeine am Nichtstun: Es ist nicht neutral. Nichtstun ist eine Handlung. Ich entscheide jeden Tag aufs Neue, nichts zu tun, und jeden Tag wird der Preis ein bisschen höher.
MICHI: Jetzt kommt der Punkt, an dem ich aufpassen muss, dass wir nicht ins Jammern kippen. Denn das ist mir wichtig: Wir klagen hier nicht. Das soll keine Selbstmitleidsveranstaltung von Führungskräften sein, denen es schwerfällt. Es soll ehrlich sein, aber nicht weinerlich.
Was ist das Schöne am Aussprechen?
MICHI: Deswegen frage ich anders. Sabine: Was ist eigentlich das Schöne daran, das alles jetzt mal auszusprechen?
SABINE: Ehrlich? Ich sitze hier und sage Sachen, die ich noch nie laut gesagt habe. Und statt dass die Decke runterkommt, wird es leichter. Weil das, was wirklich schwer ist, nicht der Konflikt ist. Das Schwere ist das Verstecken. Das Vertuschen. Das ständige So-tun-als-ob.
MICHI: Das Verstecken ist anstrengender als die Sache selbst.
SABINE: Um Längen. Ich habe schon ganze Wochenenden ruiniert mit einem Gespräch, das ich gar nicht geführt habe. Ich habe es nur geprobt. Im Kopf, im Auto, unter der Dusche, beim Einschlafen. Ich habe in meiner Fantasie hundert Versionen dieses Gesprächs geführt, in keiner einzigen habe ich verloren, und in der Realität habe ich es nie begonnen. Weißt du, wie viel Energie das frisst? Ich bin erschöpft von Gesprächen, die nie stattgefunden haben.
MICHI: Das ist so wahr, dass es fast wehtut.
Die Vermeidung ist Vollzeit
MICHI: Wir sind müde von der Vermeidung, nicht von der Konfrontation.
THOMAS: Die Vermeidung ist Vollzeit – die Konfrontation wäre ein Termin. Dreißig Minuten, vielleicht unangenehme dreißig Minuten, und dann ist es durch. Die Vermeidung dagegen läuft im Hintergrund, Tag und Nacht, wie ein Programm, das ich nicht schließen kann und das mir den ganzen Akku leersaugt.
MICHI: Warum tauschen wir dann nicht? Dreißig unangenehme Minuten gegen vier Monate Dauerlast – das ist doch ein Geschäft, bei dem jeder Kaufmann sofort zuschlägt.
SABINE: Weil die dreißig Minuten jetzt sind und die vier Monate später. Der Mensch ist schlecht im Rechnen mit der Zukunft. Die unangenehmen dreißig Minuten müsste ich heute bezahlen, in bar, spürbar. Die vier Monate Erschöpfung zahle ich auf Raten, scheibchenweise, und merke jede einzelne Rate kaum. Es ist wie mit dem Kuchen und dem Sport – den Kuchen gibt’s jetzt, das schlechte Gewissen kommt später.
MICHI: Wir nehmen den Kredit auf, weil die Rate sich kleiner anfühlt als der Preis.
Ein eingefrorener Krieg, der Höflichkeit heißt
SABINE: Und am Ende ist man überschuldet. Es gibt Betriebe, die sind komplett überschuldet mit ungeführten Gesprächen. Man riecht das, wenn man reinkommt. Diese Höflichkeit, die keine Wärme ist, sondern Ausweichen. Alle nett, keiner ehrlich. Das ist kein Frieden. Das ist ein eingefrorener Krieg.
MICHI: Ein eingefrorener Krieg, der Höflichkeit heißt. Thomas, kennst du das aus dem Konzern?
THOMAS: Der Konzern ist darin perfektioniert. Wir haben eine Sprache entwickelt, mit der man monatelang aneinander vorbeireden kann, ohne dass je etwas gesagt wird. „Wir müssten das mal vertiefen.“ „Lass uns da nochmal draufschauen.“ „Da sind wir noch nicht ganz beieinander.“ Das sind alles Sätze, die übersetzt heißen: Ich sage dir nicht, was ich denke, und du sagst es mir auch nicht – und so kommen wir gut über die Runden.
MICHI: „Da sind wir noch nicht ganz beieinander.“
THOMAS: Mein Lieblingssatz. Er klingt nach Zusammenarbeit und bedeutet Stillstand.
Stolz, Eitelkeit und Image
MICHI: Ich will euch beide jetzt mal kitzeln. Ihr habt das super beschrieben – die Angst, die Vermeidung, die schöne Sprache, die alles zudeckt. Aber jetzt mal ehrlich: Ist es nicht auch ein bisschen bequem, das alles auf Angst zu schieben? Ist da nicht auch ein Stück Stolz dabei? Eitelkeit?
SABINE: Erwischt. Ja, bei mir ist Stolz dabei. Ich will nicht die sein, die ein Problem hat. Ein geführtes Konfliktgespräch ist ja auch ein Eingeständnis: Hier läuft was nicht. Und ich als Chefin müsste mir eingestehen, dass ich es habe laufen lassen, dass ich mitschuld bin. Solange ich nicht rede, kann ich tun, als wäre das Problem vom Himmel gefallen. In der Sekunde, wo ich es anspreche, gebe ich zu: Das wächst hier schon eine Weile, und ich habe zugeschaut.
MICHI: Das Gespräch ist auch ein Geständnis der eigenen Versäumnisse.
SABINE: Jedes ehrliche Konfliktgespräch fängt im Grunde mit einem stillen „Ich hätte das früher sagen müssen“ an. Und dieses „früher“ tut weh, weil es stimmt.
THOMAS: Bei mir ist es noch banaler. Bei mir ist es Image. Ich bin der Personaler – ich bin der, der den anderen Führungskräften beibringt, wie man schwierige Gespräche führt. Ich gebe Workshops dazu. Ich stehe vorne und sage Sätze wie „Konflikte sind Entwicklungschancen“. Und dann gehe ich in mein Büro und führe meine eigenen nicht.
Der Bademeister, der nicht schwimmen kann
THOMAS: Wenn das rauskäme – wenn mein eigenes Team wüsste, wie lange ich dieses eine Gespräch schon vor mir herschiebe … Der Bademeister, der nicht schwimmen kann und deshalb sehr laut Anweisungen vom Beckenrand gibt. „Beine anziehen! Arme strecken!“ Bloß nicht selber reinspringen, dann sieht man’s.
MICHI: Das ist großartig! Und furchtbar zugleich.
THOMAS: Es ist furchtbar, aber ich glaube, es ist verbreiteter, als irgendwer zugibt. Die Leute, die am meisten über Konflikt reden, sind oft die, die ihre eigenen am elegantesten umgehen – weil sie die beste Theorie haben, um sich die Vermeidung schönzureden. Ich kann meine Feigheit auf einem akademischen Niveau begründen, von dem ein normaler Mensch nur träumen kann.
MICHI: Das ist ein wichtiger Punkt, lass uns da bleiben!
Wissen schützt nicht
MICHI: Wissen schützt nicht. Im Gegenteil – manchmal ist das Wissen die perfekte Tarnung. Ihr habt beide gesagt, ihr habt Bücher gelesen, Seminare besucht, Coaches gehabt. Und nichts davon hat dazu geführt, dass ihr das eine Gespräch führt, das ansteht. Wie kann das sein?
SABINE: Weil das Wissen die falsche Frage beantwortet. Alle diese Bücher erklären mir, WIE ich ein Konfliktgespräch führe. Schritt eins, Schritt zwei, Ich-Botschaften, aktives Zuhören – das ganze Programm. Aber mein Problem ist nicht das Wie. Mein Problem ist, dass ich gar nicht erst in den Raum gehe. Mir nützt die beste Anleitung zum Schwimmen nichts, solange ich mich nicht traue, ins Wasser zu steigen.
SABINE: Die ganze Technik setzt ja erst ein, wenn ich schon drin bin.
MICHI: Das Wissen kommt zu spät an – es wartet im Becken, und du stehst noch in der Umkleide.
SABINE: Genau! Und in der Umkleide hilft mir kein Schwimmbuch. In der Umkleide hilft mir nur einer, der sagt: „Komm, zieh dich um, ich geh mit dir bis zum Beckenrand.“ Der Rest kommt dann von allein.
THOMAS: Und das traut sich keiner zu sagen. Das ist ja das Tragische! Wir reden über Methode, über Technik, über Modelle – und keiner sagt den schlichten Satz: „Du, ich trau mich nicht.“ Dabei wäre das der ehrlichste Satz im ganzen Unternehmen.
MICHI: Warum sagt den keiner?
THOMAS: Weil „Ich trau mich nicht“ in unserer Welt das Schlimmste ist, was du sagen kannst. Du darfst sagen: „Ich hab keine Zeit.“ Du darfst sagen: „Das hat keine Priorität.“ Du darfst sogar sagen: „Da bin ich strategisch noch unentschieden.“ Alles erlaubt. Nur „Ich hab Angst“ – das ist tabu. Das ist das eine Wort, das eine Führungskraft nicht in den Mund nehmen darf. Also nehmen wir tausend andere Wörter, die alle dasselbe bedeuten, nur ohne das Wort.
MICHI: Genau deshalb machen wir diesen Podcast. Weil ich glaube, dass dieses eine unausgesprochene Wort mehr Schaden anrichtet als jeder offene Streit. Sabine, du wolltest noch was sagen.
SABINE: Ich wollte sagen: Es ist befreiend, das hier zu hören. Nicht weil ich mich jetzt besser fühle, sondern weil ich mich weniger allein fühle. Ich dachte immer, ich bin die Einzige, die nachts diese Gespräche probt und sie tagsüber nicht führt. Ich dachte, die anderen Chefs – die machen das einfach! Und jetzt sitze ich hier mit einem Personalleiter eines Konzerns, der seit Februar im Gebüsch liegt.
THOMAS: Danke!
SABINE: Und merke: Wir sind alle im Gebüsch – der ganze Wald ist voll von uns. Lauter Führungskräfte, die sich gegenseitig durch die Zweige zuwinken und so tun, als würden sie jagen.
MICHI: Der ganze Wald ist voll. Das ist der Satz, mit dem wir gleich rausgehen sollten. Aber vorher will ich von euch beiden noch eine ehrliche Sache. Nicht die Lösung – die kommt in den nächsten Folgen, und ich verspreche, sie kommt. Sondern nur das hier:
Der kleinste erste Schritt
MICHI: Wenn ihr an das eine Gespräch denkt, das ihr gerade vor euch herschiebt – was wäre der erste, kleinste, ehrlichste Schritt, den ihr euch gerade so eben zutrauen würdet? Thomas?
THOMAS: Ehrlich? Den Termin in den Kalender schreiben. Nicht das Gespräch führen. Nur den Termin eintragen. Mit Namen. Mit Uhrzeit. So, dass er da steht und mich anschaut. Ich glaube, neunzig Prozent meiner Vermeidung lebt davon, dass das Gespräch nie konkret wird. Es schwebt. Es hat kein Datum. In dem Moment, wo es ein Datum hat, fängt es an, real zu werden.
MICHI: Du würdest dem Vermeiden ein Datum geben, an dem es endet.
THOMAS: Ein Verfallsdatum. Genau.
MICHI: Sabine?
SABINE: Meiner ist noch kleiner. Ich würde aufhören, das Gespräch im Kopf zu proben. Nur das. Ich würde mir verbieten, es nachts nochmal durchzuspielen. Weil ich gemerkt habe: Jede geprobte Version macht die echte unwahrscheinlicher. Ich verbrauche meinen ganzen Mut in der Generalprobe, und für die Premiere ist nichts mehr übrig. Also: nicht mehr proben. Den Mut sparen für den echten Moment.
MICHI: Das ist klug! Hört auf zu proben, fangt an zu spielen.
SABINE: Und vielleicht – das ist jetzt fast zu ehrlich – vielleicht einfach mal jemandem sagen, dass ich Schiss habe. Einem Menschen. Nicht dem Mitarbeiter. Nur irgendeinem, dem ich vertraue. „Du, ich hab da ein Gespräch, vor dem ich mich seit Wochen drücke.“ Allein das auszusprechen, nimmt dem Ganzen die Hälfte der Macht.
MICHI: Und das habt ihr beide gerade getan. Vor Mikrofon. Vor allen.
SABINE: Stimmt! Dann ist die Hälfte ja schon weg.
Das Fazit
MICHI: Dann lasst mich zusammenfassen, womit ich euch heute nicht nach Hause schicke. Ich schicke euch nicht mit einer Methode nach Hause! Nicht mit einem Fünf-Schritte-Plan, nicht mit einem Modell, nicht mit Ich-Botschaften. Das kommt alles noch, Folge für Folge. Da gehen wir tief rein. Heute geht es nur um eine einzige Sache, und die ist unbequem: Das Problem ist nicht, dass wir nicht wissen, WIE man Konflikte führt.
MICHI: Das Problem ist, dass wir uns nicht trauen, sie überhaupt anzufangen – und dass wir das vor uns selbst verstecken, indem wir uns ständig etwas Wichtigeres davorschieben. Habe ich das richtig verstanden?
THOMAS: Schmerzhaft richtig.
SABINE: Und seltsam erleichternd.
MICHI: Wenn dir, der du das gerade hörst, an genau dieser Stelle etwas eng wird im Brustkorb – wenn du dich ertappt fühlst, wenn du gerade an dein eigenes Gespräch denkst, das seit Wochen, vielleicht seit Monaten auf dich wartet: Dann bist du genau richtig hier! Dann ist dieser Podcast für dich gemacht. Wir werden in den nächsten Folgen genau dahin gehen, wo es ungemütlich wird. Wir werden uns angucken, was uns wirklich abhält, wie der Selbstbetrug funktioniert, und – ja, versprochen – auch, wie man es anders machen kann.
MICHI: Schritt für Schritt. Ohne Zeigefinger, ohne Schwermut.
SABINE: Und ohne Jammern.
MICHI: Und ohne Jammern – danke, Sabine! Denn das hier ist kein Klagelied. Das ist eine Einladung, ehrlich zu werden. Wenn dich das anspricht, dann abonniere diesen Podcast, damit du keine Folge verpasst. Wir gehen jetzt Stück für Stück durch das, wovor wir uns alle drücken. Es lohnt sich, dabei zu bleiben. Sabine, Thomas – danke, dass ihr so ehrlich wart.
THOMAS: Danke, dass ich mal aus dem Gebüsch durfte.
SABINE: Danke! Und ich schreibe jetzt diesen Termin in den Kalender. Bevor ich’s mir anders überlege.
MICHI: Dann seid ihr schon weiter als die meisten – bis zur nächsten Folge.
Outro
MICHI: Und wenn du jetzt schon etwas in der Hand haben willst: Auf streiten-mit-system.de warten meine zwölf Soforthilfe-Impulse auf dich. Kostenlos, sofort anwendbar, genau für den Streit, den du gerade vor dir herschiebst. Das war „Streiten mit System“. Wenn du beim nächsten Streit nicht mehr sprachlos sein willst: Abonnier diesen Podcast. Ein Klick – und du verpasst keine Folge. Wer tiefer einsteigen will:
MICHI: Alles zusammen steht in meinem Buch „Streiten mit System“ – alle Links in den Shownotes. In der nächsten Folge zeige ich dir, worüber du in Wahrheit streitest. Kleiner Hinweis: Es ist nie das, worüber ihr redet. Ich bin Christoph Maria Michalski. Mach es gut – und streite klüger!
Links zur Folge
- Die zwölf Soforthilfe-Impulse — kostenlos
- Das Buch „Streiten mit System“ — bei Amazon
- Folge 3: Konflikte sind sexy — warum alles mit deinen Bedürfnissen be
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Über den Podcast
„Streiten mit System“ ist der Podcast von Christoph Maria Michalski, dem Konfliktnavigator.
Streiten mit System ist seine Methode zur Konfliktklärung, die einen Konflikt in sechs Schritte gliedert: Bedürfnisse checken, Kategorien steuern, Ziele abwägen, Einstieg üben, Widerstände lösen, Handeln strukturieren.
- Bedürfnisse checken — worum es wirklich geht
- Kategorien steuern — welche Art von Konflikt vorliegt
- Ziele abwägen — was erreichbar ist
- Einstieg üben — wie das Gespräch beginnt
- Widerstände lösen — was dagegenhält
- Handeln strukturieren — was danach passiert
Buch dazu: „Streiten mit System. Wie du lernst, Konflikte zu lieben“ (ISBN 978-3-86980-771-3).
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