Wegpunkt 3: Ziele abwägen — das offene und das verborgene Ziel
Der dritte Wegpunkt der Methode Streiten mit System: Ziele abwägen. Christoph Maria Michalski trennt das offene vom verborgenen Ziel und zeigt, warum ein Streit immer dann kippt, wenn beide gleichzeitig verfolgt werden.
„Jetzt räum doch endlich mal dein Zimmer auf!“ Du denkst, es geht um Ordnung. Tut es nicht. In diesem einen Satz stecken zwei völlig verschiedene Ziele — und genau deshalb endet die Szene immer gleich: Mauligkeit, Genervtheit, und das Zimmer sieht aus wie vorher.
Der dritte Wegpunkt trennt, was wir ständig vermengen: das offene Ziel, das wir aussprechen, und das verborgene, das wir oft selbst nicht kennen.
In dieser Folge
- Hin oder weg? Warum „Ich will, dass es aufhört“ kein Ziel ist — und was ein Pfeil damit zu tun hat, der vom Bogen wegwill
- Das offene Ziel: ein aufgeschlagenes Buch. Das verborgene: das kleine Geheimnis hinter den Kulissen
- Das Kinderzimmer, entschlüsselt: Warum dein Kind dem offenen Ziel sogar zustimmen würde — und trotzdem maulig wird
- Drei Szenen aus dem Alltag: die Autowerkstatt vor dem Urlaub, der ungefragte Hafermilch-Latte von Sigrid, das gefürchtete Sommerfest der Nachbarn
- Warum das Vermischen so teuer ist: zwei Steine, ein Teich — und warum niemand die Wellen mehr auseinanderhalten kann
- Der Bühnentrick mit den Kühen und der Sog ins Naheliegende
- SMART: aus Nebel ein Ziel machen — und warum du keinen Preis für ordentlich fixierte Ziele bekommst
- Ziel oder Weg? Eine Läufergeschichte vom Kotzberg
- Die Fabel vom Tausendfüßler — und warum du am Anfang stolpern wirst
Merksatz: Ziel immer nur auf eine Scheibe. Redet ihr über Verantwortlichkeiten, dann rede über Verantwortlichkeiten. Redet ihr über Umgangsformen, dann nur über Umgangsformen.
Kapitel
- 0:35 Kaltöffner: das Kinderzimmer
- 1:39 Begrüßung und Rückblick
- 2:37 Was ein Ziel eigentlich ist
- 3:32 Hin oder weg?
- 5:35 Offene und verborgene Ziele
- 7:15 Das Kinderzimmer, entschlüsselt
- 8:41 Drei Szenen aus dem Alltag
- 10:56 Warum das Vermischen so teuer ist
- 13:22 Zwei Steine, ein Teich
- 14:07 Was trinken Kühe?
- 15:27 SMART: aus Nebel ein Ziel machen
- 16:54 Ziel oder Weg — die Läufergeschichte
- 18:49 Die Fabel vom Tausendfüßler
- 20:08 Mini-Übung zum Mitnehmen
- 20:53 Zusammengefasst und Ausblick
- 21:51 „Hauptsache, du hast am Ende wieder recht“
- 23:37 Nächstes Mal: eine Hörerin
Transkript
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Intro
Was wäre, wenn du dich auf deinen nächsten Streit freuen könntest? Nicht, weil du gewinnst. Sondern weil du endlich weißt, was du tust. Das hier ist „Streiten mit System“ – der Konflikt-Podcast. Ich bin Christoph Maria Michalski. Alle sagen dir, WAS du tun sollst. Ich zeige dir, WIE es geht. Ziele abwägen – das offene und das verborgene Ziel.
Kaltöffner: das Kinderzimmer
Du stehst in der Tür zum Zimmer deines pubertierenden Kindes. Du scannst einmal quer durch das Chaos – Wäsche, Teller, Schulbücher, iPad – und dann sagst du in diesem ganz speziellen, schon leicht gereizten, genervten Ton: Jetzt räum doch endlich mal dein Zimmer auf! Was glaubst du, worum es dir in dem Moment wirklich geht? Du würdest natürlich sagen: Na, ums Aufräumen. Um Ordnung.
Um Sauberkeit. Aber das stimmt nur halb. Denn in diesem einen Satz stecken in Wahrheit zwei völlig unterschiedliche Ziele. Und genau deshalb endet die Szene fast immer gleich: mit Mauligkeit auf der einen Seite, Genervtheit auf der anderen – und einem Zimmer, das danach kein bisschen aufgeräumter ist. Heute reden wir über den dritten Wegpunkt. Und über eine Unterscheidung, die für mich ein echter Gamechanger ist.
Begrüßung und Rückblick
Herzlich willkommen zur dritten Folge von „Streiten mit System“. Mein Name ist Christoph Maria Michalski. Ein kurzer Rückblick: In Folge eins ging es um die Bedürfnisse – die leeren Regentonnen unter der Oberfläche. In Folge zwei um die Kategorien: Debatte, Spiel, Kampf. In welcher Konfliktkategorie streiten wir eigentlich gerade? Und heute kommt der dritte Wegpunkt: Ziele abwägen.
Jeder Mensch verfolgt Ziele. Nur ist uns oft nicht klar, welches Ziel wir gerade verfolgen und warum. Unzählige Streitsituationen entstehen genau daraus. Das, was uns wichtig erscheint, wechselt mitten im Gespräch – und daraus erwachsen Dynamiken, die keiner mehr versteht.
Was ein Ziel eigentlich ist
Eigentlich verstehen wir unter Zielen so etwas wie den inneren Kompass – etwas, das Entscheidungen lenkt, Motivation gibt, Orientierung schafft, wenn wir unsicher sind. Ein Ziel ist die Vorstellung eines gewünschten Zustandes, auf den wir unser Handeln ausrichten. So weit, so gut. Aber jetzt kommt das Detail, das fast immer übersehen wird – und das das Besondere an diesem Wegpunkt ausmacht.
Unser Unterbewusstsein spielt uns nämlich einen Streich. Wir packen das Ziel unseres Verstandes und das Ziel aus den tieferen Schichten unserer Persönlichkeit in ein und dieselbe Äußerung. Und für den anderen entstehen dadurch verwirrende Botschaften, die den Streit eher anheizen als glätten.
Hin oder weg?
Bevor wir diese zwei Zielarten trennen – eine Vorfrage, die erstaunlich viel klärt. Wenn ich Menschen frage, was ihr Ziel in einem Konflikt ist, höre ich fast immer: Ich will, dass es aufhört. Dass der Streit endlich vorbei ist. Hör mal genau hin: Das ist ein Weg-von-etwas. Stell dir vor, du fragst einen Pfeil nach seinem Ziel, und er antwortet: Ich will weg vom Bogen. Da würdest du verdutzt schauen.
Weg vom Bogen ist kein Ziel. Das ist nur Abstoßen. In den Biografien erfolgreicher Menschen steht oft genau dieser Satz: Ich wollte da raus. Aus der Enge der Wohnung. Aus der Enge der Erwartungen, aus dem Milieu. Und als erster Schub ist dieses „weg“ großartig. Das ist eine Initialzündung. Es verleiht Flügel. Aber sobald du den Orbit der fesselnden Bedingungen verlassen hast, kommt die nächste, viel größere Frage: Und jetzt – wohin?
Worauf fokussiere ich mich? Ein echtes Ziel ist immer auch ein Hin-zu: die gesamte Energie auf einen erwünschten Zustand bündeln – und nicht nur von der Vergangenheit wegrennen. Und das hörst du oft, wenn jemand sagt: Mein oberstes Ziel ist natürlich, glücklich zu sein – ein erfüllender Job, die Familie, die Gesundheit. Damit reiht man sich bei neunundneunzig Prozent der Bevölkerung ein.
Frag mal nach: Was heißt denn „erfüllender Job“? Dann kommt oft nur: Dass man mich in Ruhe arbeiten lässt und nicht dauernd durch Nachfragen stört. Merkst du es? Schon wieder: Weg von. Weg von der Störung. Wir wissen erstaunlich gut, was wir nicht wollen – und erstaunlich schlecht, was wir stattdessen wollen.
Offene und verborgene Ziele
Jetzt zur eigentlichen Unterscheidung, also diesem Gamechanger. Es gibt zwei Arten von Zielen: das offene und das verborgene. Das offene Ziel ist wie ein aufgeschlagenes Buch. Jeder weiß, worum es geht – man kann sich direkt damit befassen. Zum Beispiel: Ich will mehr Verantwortung im Projekt übernehmen. Das ist das, was wir laut aussprechen oder als Thema in eine Terminvereinbarung schreiben.
Im Job sind das Projektstand und Aufgabenverteilung. Privat der Wocheneinkauf, das Zimmer-Aufräumen und die Fahrdienste. Das verborgene Ziel ist dagegen das kleine Geheimnis hinter den Kulissen. Unausgesprochen. Es liegt zwischen den Zeilen, es ist weitreichender, elementarer – und schlummert tief in unserer Seele. Beim Projekt klingt das dann etwa so: Ich will endlich mehr Anerkennung vom Chef.
Diese versteckten Ziele machen Konflikte kompliziert, weil sie nie direkt angesprochen werden – und trotzdem die ganze Zeit mitschwingen. Interessanterweise findet man diese Unterscheidung im Rechnungswesen, im Marketing, in der Personalbeschaffung. In der Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung aber wird sie sträflich vernachlässigt. Dabei entstehen die meisten Missverständnisse genau dadurch:
dass wir beide Ziele in einer einzigen Ansprache vermengen.
Das Kinderzimmer, entschlüsselt
Kehren wir zum Kaltöffner zurück: Räum endlich dein Zimmer auf. Lass uns diesen Satz mal durch den Filter laufen lassen. Das offene Ziel? Ein dauerhaftes Ordnungssystem, gesellschaftstaugliche Sauberkeit und ein bisschen Hygiene. Das verborgene Ziel ist etwas ganz anderes: Du willst beim Nachwuchs eine Einsicht herstellen – dass das Einhalten von Regeln, charakterliche Stabilität und Gemeinsinn zum Erwachsenwerden dazugehören.
Mit einem Wort: Erziehung. Und jetzt wird es spannend. Dem offenen Ziel könnte dein Kind sogar zustimmen. Das eigene Chaos nervt es ja selbst: Ich finde mein Ladekabel nicht mehr! Aber diese mögliche Zustimmung wird zuverlässig vom verborgenen Ziel torpediert. Vom Erziehungsdruck, der da mitschwingt. Diese Bevormundung ist in jungen Augen natürlich vollkommen inakzeptabel. Und weil der Jugendliche jetzt in einer Zwickmühle steckt – eigentlich recht geben, aber auf keinen Fall erzogen werden wollen –, kommt als Antwort: Mauligkeit.
Ergebnis: zwei schlecht gelaunte Familienmitglieder. Und das Kabel findet sich immer noch nicht.
Drei Szenen aus dem Alltag
Lass mich dir jetzt zeigen, wie oft uns das passiert. Erste Szene: die Autowerkstatt um die Ecke. Praktisch, fußläufig, ein bisschen suspekt, aber bequem. Vor dem Familienurlaub entdeckst du einen Ölfleck auf dem Stellplatz – und tauchst in der Autowerkstatt ohne Termin auf: Kannst du da mal eben drunterschauen? Und der Mann erklärt dir schnoddrig, dass er keine Zeit habe und du selbst schuld seist, weil du dich nicht früh genug gekümmert hast.
Dein offenes Ziel: in den Urlaub starten, ohne auf der Autobahn liegenzubleiben. Dein verborgenes Ziel: diesem Menschen mal grundsätzlich erklären, dass man so nicht mit Kunden umgeht. Und mein Rat lautet hier: Wenn du im Gespräch das verborgene Ziel durchklingen lässt, dann nimm sicherheitshalber einen Extra-Kanister Öl mit auf die Reise. Zweite Szene: die Kollegin – nennen wir sie mal Sigrid.
Sie bringt dir ungefragt einen Hafermilch-Chai-Latte mit und erwartet dafür überschwänglichen Dank. Dein verborgenes Ziel würde jetzt gern sagen: Na, wenn das heute deine einzige Arbeitsleistung war – na dann Prost Mahlzeit! Das vergiftet aber sofort die Büroatmosphäre. Das offene Ziel, sauber formuliert, klingt dann so: Sigrid, ich bitte dich, mir keinen Kaffee mitzubringen. Ich trinke ihn nicht, und ich bezahle ihn auch nicht.
Dritte Szene: das gefürchtete Sommerfest der spießigen Nachbarn. Tief in der Seele wollt ihr nicht hin. Andererseits braucht ihr sie als Verbündete bei eurer gemeinsamen Klage gegen die Anliegerkosten. Das offene Ziel: die nachbarschaftliche Beziehung pflegen. Das verborgene Ziel: denen mal so richtig die Meinung geigen und ablästern, wie aus der Welt gefallen die sind. Die kluge Entscheidung: mit einem kleinen Gastgeschenk auftauchen, sich höflich bedanken – und nach zwei Stunden mit einem Vorwand gehen.
Unser kleiner Jonas liegt ja mit Fieber im Bett.
Warum das Vermischen so teuer ist
Was richtest du an, wenn du beide Ziele in einen Satz verpackst? Beim Gegenüber entsteht Irritation. Du sagst etwas Bestimmtes, und im Subtext sendest du noch etwas anderes mit. Aber dem anderen fehlt die Zeit, das auseinanderzuwuseln. Bei ihm kommt nur großer Nebel an. Ihm fehlt die Orientierung, was dein wirkliches Ziel ist. Und was macht ein Mensch im Nebel, wenn er Gefahr wittert?
Er blafft zurück. Schild hoch, mit irgendwas zurückschlagen. Das ist nicht unbedingt böser Wille, das ist ein uralter Überlebensmechanismus. Genau diesen Reflex löst du aus, wenn du unklar sendest. Die Lösung verlangt von dir etwas Spezielles: Selbstbeherrschung. Du musst Dinge – und ich sage selten „müssen“ – die normalerweise aus dir herausplatzen, zurückhalten. Die Leitfrage lautet: Mit welcher Art meines Auftritts komme ich meinem Ziel näher?
Den Rest schluckst du herunter. Nicht für immer, sondern für jetzt. Wieder eine Frage des Timings. Du zerlegst deine Reaktion in zwei Ziele: das, was du akut erreichen willst – und das Unterdrückte, das du in einem zweiten, getrennten Gespräch anbringst. Bei der nervenden Kollegin heißt das also: nicht im Affekt blaffen, sondern sie später zum Mittagsspaziergang einladen und in Ruhe sagen, dass ihr übergriffiges Verhalten dich auf Distanz gehen lässt.
Beide Ziele sind legitim – aber es sind zwei Gespräche. Und in jedem Gespräch müssen dein inneres und dein äußeres Ziel übereinstimmen. Daraus folgt eine Regel, die ich dir mitgeben will: Redet ihr über Verantwortlichkeiten? Dann rede über Verantwortlichkeiten. Redet ihr über Abgrenzungen? Dann rede nur über Abgrenzungen. Redet ihr über Umgangsformen? Dann rede nur über Umgangsformen.
Das Leben wird leichter, wenn du immer nur auf eine Scheibe zielst.
Zwei Steine, ein Teich
Warum kann der Empfänger zwei gleichzeitige Ziele nicht verarbeiten? Stell dir vor, du wirfst vom Bootssteg einen Stein ins Wasser. Kreisförmige Wellen. Du wirfst einen zweiten Stein hinterher – jetzt überlagern sich die Wellen, und du kannst beim besten Willen nicht mehr erkennen, welche Welle von welchem Stein stammt. Diese zwei Steine sind deine zwei Ziele. Gleichzeitig geworfen, sind sie nicht mehr zu trennen.
Und weil das so ist, schnappt sich der Empfänger blitzschnell und intuitiv das, was am besten in sein bisheriges Weltbild passt – weil das am wenigsten Energie kostet.
Was trinken Kühe?
Ich liebe dafür einen kleinen Bühnentrick, den ich bei Vorträgen einbaue. Ich frage jemanden aus dem Publikum: Welche Farbe hat ein Hochzeitskleid? Welche Farbe hat dieses hochgehaltene Blatt Papier? Und dann ganz schnell: Was trinken Kühe? Und im Rampenlicht antworten fast alle: Milch. Klar. Dabei trinken Kühe natürlich Wasser – und geben die Milch. Genau dieser Sog ins Naheliegende passiert auch in deinen Gesprächen.
Die Konsequenz daraus ist einfach: Sende interferenzarm. Interferenzen sind die Überlagerungen der beiden Steine. Bring deine Ziele klar zum Ausdruck. Die Kommunikationsverantwortung liegt hier beim Sender – bei einer sortenreinen Ansprache der Ziele. Dann kann dein Gegenüber deinen Gedanken wie an einer Perlenschnur folgen. Missverständnisse entstehen, weil wir mit Knoten kommunizieren. Und das Entwirren von Knoten kostet alle Beteiligten Kraft und lenkt vom Thema ab.
SMART: aus Nebel ein Ziel machen
Wenn du dein Ziel wirklich scharf bekommen willst, dann hilft ein altbewährtes Werkzeug: SMART. Das ist ein Akronym, bei dem aus den ersten Buchstaben das Wort „smart“ entsteht. Und diese Wörter sind: spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch, terminiert. Nehmen wir den vagen Wunsch: Ich will einen erfüllenden Job – als Ziel. Spezifisch heißt dann: Ich möchte mir fünfzig Prozent meines Arbeitstages eigenverantwortlich einteilen.
Messbar wird es, indem du zwei Wochen lang ein kleines Tagebuch führst, mit der Spalte „fremdbestimmte Zeiteinteilung“. Da siehst du schwarz auf weiß, wie viel von außen kommt. Attraktiv ist es, wenn du dich wirklich damit identifizierst. Realistisch musst du abschätzen: Wenn ständig Kundenanrufe dazwischenkommen, sind fünfzig Prozent vielleicht ein bisschen zu hoch gegriffen. Und terminiert heißt: ein verbindliches Datum, bis wann du was erreichen willst.
Schon ist aus dem nebulösen „Arbeit wird halt gemacht“ ein klares Ziel geworden. Aber eins ist mir wichtig: SMART ist ein Instrument. Du bekommst keinen Preis dafür, ein Ziel besonders ordentlich mit dieser Methode zu fixieren.
Ziel oder Weg — die Läufergeschichte
Es gibt sogar Coaching-Richtungen, die von Zielen abraten. Das Fixieren auf den Endpunkt verenge die Wahrnehmung, heißt es. Ich bin ja Ausdauerläufer, auch im bergigen Terrain. Und da gibt es Anstiege, die in der Läufersprache liebevoll „Kotzberg“ heißen: dreizehn Prozent Steigung auf dreihundert Metern. Für so einen Berg gibt es zwei gegensätzliche Tipps. Der eine: Behalte dein Ziel im Auge, die Kuppe, und lass dich förmlich magnetisch nach oben saugen.
Du siehst, wie du näher kommst, und das treibt dich an. Der andere Tipp, genau umgekehrt: Schau drei Meter vor dich auf den Asphalt und konzentrier dich auf jeden einzelnen Schritt, im Takt eines Uhrwerks. Denn das ferne Ziel kann dich auch lähmen: Wie soll ich da bloß hinkommen? Aber Vorsicht! Steckst du dein Ziel zu kurz und schaust nur auf den nächsten Schritt, merkst du womöglich gar nicht, dass du längst vom Weg abgekommen bist.
Welche Methode ist nun richtig? Ach, das ist ein Glaubenskrieg unter Coaches. Meine Überzeugung ist: Beide haben recht. Du musst je nach Situation abwägen. Am Anfang meiner Läuferkarriere habe ich die Uhrwerk-Methode genommen, schlicht aus Luftmangel – damit ich das Elend da oben nicht sehe und den Berg. Heute, mit ein bisschen Übung, lasse ich mich von der Bergkuppe magnetisch anziehen.
Beim Dehnen meiner sturen Oberschenkel mache ich es wieder andersrum. Ich schaue mir keine unerreichbaren Yoga-Stellungen an, sondern freue mich über jeden Zentimeter, den meine Handflächen dem Boden bei gestreckten Knien näher kommen.
Die Fabel vom Tausendfüßler
Zum Schluss eine Fabel von Äsop, die für mich den Kern dieses Systems trifft. Ein Tausendfüßler wandert über eine Wiese, leichtfüßig, all seine unzähligen Beine perfekt aufeinander abgestimmt. Da begegnet ihm ein Frosch, der ihn fasziniert anstarrt und fragt: Wie machst du das? Wie bewegst du all deine Beine im richtigen Moment, wo ich schon mit meinen vieren genug zu tun habe?
Das scheint mir unmöglich. Der Tausendfüßler hält inne und beginnt nachzudenken. Und während er darüber grübelt, wie er das eigentlich macht, gerät er ins Straucheln, stolpert über die eigenen Füße – und stellt entsetzt fest, dass er nicht mehr gehen kann. Erst als er sich vom Schreck erholt hat, steht er wieder auf, läuft vorsichtig weiter und verlässt sich von da an wieder auf sein Gefühl.
Nach einer Weile, mit etwas Übung, kehrt die alte Souveränität zurück. Genauso ist es am Anfang mit diesen Wegpunkten. Wenn du plötzlich über jedes deiner Ziele nachdenkst, dann wirst du vielleicht erst mal stolpern. Und das ist normal. Übe weiter. Und irgendwann läuft es wie von selbst – nur diesmal in die richtige Richtung.
Mini-Übung zum Mitnehmen
Und jetzt die Mini-Übung zum Mitnehmen: Nimm dir einen aktuellen Konflikt und stell dir drei Fragen. Erstens: Was ist mein offenes Ziel? Das, was ich laut sage. Zweitens: Was ist mein verborgenes Ziel, das tief in mir mitschwingt und erst mal schweigt? Und drittens: Welches der beiden Ziele bringt mich jetzt voran? In diesem Gespräch – und wirklich weiter. Verfolge dieses eine Ziel.
Und das andere parkst du bewusst für ein zweites, getrenntes Gespräch – oder du lässt es ganz fallen. Also: Ziel immer nur auf eine Scheibe.
Zusammengefasst und Ausblick
So, damit steht Wegpunkt drei: Ziele abwägen. Wir wissen jetzt, dass in fast jedem Satz zwei Ziele stecken – ein offenes und ein verborgenes. Und dass Klarheit darüber halbe Miete ist. In der nächsten Folge wird es konkret wie nie: Wegpunkt vier – Einstieg üben. Da geht es um den ersten Satz eines schwierigen Gesprächs. Der Satz, der entscheidet, ob das Gespräch trägt oder sofort kippt.
Ich stelle dir meine 4-Takt-Methode vor: Sache, Gefühl, Tun und Folge – egal, in welcher Reihenfolge. Und dabei die schwerste Übung von allen: reden – und dann die Klappe halten und die Stille aushalten. Bis dahin: Hör im Alltag mal in deine eigenen Sätze hinein und such das verborgene Ziel. Du wirst überrascht sein, wie oft es da ist.
„Hauptsache, du hast am Ende wieder recht“
„Hauptsache, du hast am Ende wieder recht.“ Ein wunderbar giftiger Satz – und einer der ehrlichsten, die es gibt. Nur leider über den Falschen. Denn wer diesen Satz sagt, glaubt, er beschreibe den anderen. In Wahrheit legt er sein eigenes verborgenes Ziel offen. Hör genau hin: Hauptsache, du hast am Ende wieder recht. Der Mensch redet nicht über die Sache. Der redet über eine Rangordnung, über ein „Schon wieder“, über eine Serie von Niederlagen, die der andere vermutlich gar nicht mitgezählt hat.
Also machen wir die Übung aus dieser Folge. Offenes Ziel: Wir wollen entscheiden, welche Versicherung wir nehmen. Sauber verhandelbar. Verborgenes Ziel bei dem, der diesen Satz sagt: Ich will nicht der Unterlegene sein. Und diese zwei Ziele passen nicht in dasselbe Gespräch. Denn selbst wenn du die Sachfrage in seinem Sinne entscheidest, ist er nicht zufrieden. Er legt nach. Und du denkst: Ich habe doch nachgegeben – was will er denn jetzt noch?
Und die Antwort ist: Er will etwas, das du ihm mit der Sachentscheidung gar nicht geben kannst. Deshalb: Wenn dieser Satz fällt – nicht auf die Sache antworten. Auf das Ziel. Moment, geht es hier gerade um die Versicherung – oder darum, dass wir beide miteinander entscheiden? Das ist eine andere Frage. Und meistens die eigentliche.
Nächstes Mal: eine Hörerin
Eins noch: Nächstes Mal ist zum ersten Mal jemand von euch dran. Eine Hörerin hat mir ihren aufgeschobenen Konflikt geschickt – Stationsleitung in der Pflege, und es geht um Übergaben, bei denen im Zweifel Medikamente auf dem Spiel stehen. Wir machen live genau einen Schritt aus dieser Folge: Wir suchen ihr verborgenes Ziel. Es liegt woanders, als sie denkt. Bis dahin.
Outro
Das war „Streiten mit System“. Wenn du beim nächsten Streit nicht mehr sprachlos sein willst: Abonnier diesen Podcast. Ein Klick – und du verpasst keine Folge. Wenn du jetzt schon etwas in der Hand haben willst: Auf streiten-mit-system.de warten meine zwölf Soforthilfe-Impulse auf dich – kostenlos, sofort anwendbar, genau für den Streit, den du gerade vor dir herschiebst. Wer tiefer einsteigen will: Alles zusammen steht in meinem Buch „Streiten mit System“. Alle Links in den Shownotes. In der nächsten Folge zeige ich dir, worüber du in Wahrheit streitest.
Kleiner Hinweis: Es ist nie das, worüber ihr redet. Ich bin Christoph Maria Michalski. Mach es gut – und streite klüger.
Links zur Folge
- Die zwölf Soforthilfe-Impulse — kostenlos
- Das Buch „Streiten mit System“ — bei Amazon
- Folge 8: Petra ruft an — „Ich will, dass sie einmal sieht, was das mi
Hinweis: Das Coverbild wurde mit Hilfe von KI erstellt.
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Über den Podcast
„Streiten mit System“ ist der Podcast von Christoph Maria Michalski, dem Konfliktnavigator.
Streiten mit System ist seine Methode zur Konfliktklärung, die einen Konflikt in sechs Schritte gliedert: Bedürfnisse checken, Kategorien steuern, Ziele abwägen, Einstieg üben, Widerstände lösen, Handeln strukturieren.
- Bedürfnisse checken — worum es wirklich geht
- Kategorien steuern — welche Art von Konflikt vorliegt
- Ziele abwägen — was erreichbar ist
- Einstieg üben — wie das Gespräch beginnt
- Widerstände lösen — was dagegenhält
- Handeln strukturieren — was danach passiert
Buch dazu: „Streiten mit System. Wie du lernst, Konflikte zu lieben“ (ISBN 978-3-86980-771-3).
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