Zwischenfolge: „Ich war drin“ — Sabine führt das Gespräch nach vierzehn Monaten
Zwischenfolge. Sabine führt das Gespräch, das sie vierzehn Monate vor sich hergeschoben hat, und geht es mit Christoph Maria Michalski Takt für Takt durch.
Drei Worte standen in der Nachricht: „Ich war drin.“ Nach vierzehn Monaten Aufschieben hat Sabine das Gespräch mit ihrer Mitarbeiterin geführt — mit den vier Takten aus der letzten Folge.
Wir gehen es Takt für Takt durch: was getragen hat, was sie im Moment selbst über den Haufen geworfen hat, und was in den acht Sekunden Stille passiert ist. Und dann kommt der Haken, der sie seitdem beschäftigt.
In dieser Folge
- Takt 1, die Sache: drei Anläufe, bis der Satz stand. Warum „Ihre Arbeit ist fehlerhaft“ nicht funktioniert und was stattdessen dastand
- Takt 2, die Folge: „In meinem Kopf hatte diese Folge die Größe eines Weltuntergangs.“ Beim Aufschreiben schrumpfte sie auf zwei Sätze
- Takt 3, das Gefühl: Sabine wirft ihren vorbereiteten Chefinnen-Satz im Gespräch weg und sagt die Wahrheit. Was danach passiert, hätte sie nicht geplant
- Takt 4, das Tun: Wunsch plus eigener Anteil
- Und dann die Stille: acht Sekunden, die sich wie drei Minuten anfühlten — und was die Mitarbeiterin danach erzählt hat
- Der Haken: Als es konkret wurde, gingen die Schultern hoch. „Das bringt doch nichts.“ „Das haben wir schon mal probiert.“
- Warum jedes Argument den Widerstand größer gemacht hat — Armdrücken mit Pudding
Kapitel
- 0:36 „Ich war drin“
- 1:20 Takt 1: die Sache
- 2:20 Takt 2: die Folge — die Gespenster schrumpfen
- 3:00 Takt 3: das Gefühl — der Satz, den sie wegwarf
- 4:19 Takt 4: das Tun
- 4:46 Die acht Sekunden Stille
- 6:10 Der Haken: Armdrücken mit Pudding
- 7:57 Ausblick: Wegpunkt 5
Transkript
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Intro
MICHI: Was wäre, wenn du dich auf deinen nächsten Streit freuen könntest? Nicht, weil du gewinnst. Sondern weil du endlich weißt, was du tust. Das hier ist „Streiten mit System“ – der Konflikt-Podcast. Ich bin Christoph Maria Michalski. Alle sagen dir, WAS du tun sollst. Ich zeige dir, WIE es geht. „Streiten mit System“, Zwischenfolge. Und heute habe ich Gänsehaut, bevor wir überhaupt angefangen haben.
„Ich war drin“
MICHI: Denn am Telefon ist Sabine Kröger. Und Sabine hat mir vorgestern eine Nachricht geschrieben, die aus genau drei Worten bestand: Ich war drin. Sabine, erzähl.
SABINE: Ich war drin, Christoph. Ich habe nachgezählt: Nach vierzehn Monaten Aufschieben habe ich das Gespräch mit Frau M. geführt. Letzten Donnerstag, halb zehn, in meinem Büro. Ich habe alles gezählt. Ich war so nervös, ich habe mich an jede Einzelheit geklammert – aber von vorn.
MICHI: Von vorn. Und zwar Takt für Takt, wenn ich bitten darf.
Takt 1: die Sache
MICHI: Du hast die Folge zur 4-Takt-Methode gehört. Wie war dein erster Takt – die Sache?
SABINE: Ich habe drei Anläufe gebraucht, den aufzuschreiben. Beim ersten stand da: Ihre Arbeit ist in letzter Zeit fehlerhaft. Und dann habe ich deine Stimme im Ohr gehabt: ein Fakt, zu dem sie innerlich Ja sagen kann. Zu „fehlerhaft“ sagt kein Mensch innerlich Ja. Also habe ich es konkret gemacht: Frau M., bei den letzten beiden Neuaufträgen – der Steuerung für Hartmann und der Sonderserie – sind die Prüfprotokolle ohne Rücksprache ausgefüllt worden, und beide mussten nachgearbeitet werden.
MICHI: Kann sie innerlich Ja dazu sagen?
SABINE: Hat sie. Ich habe es gesehen. Sie hat genickt, ganz klein. Das war der Moment, wo ich dachte: Das Ding trägt. Es war ja kein Angriff. Es war einfach wahr.
Takt 2: die Folge — die Gespenster schrumpfen
MICHI: Takt zwei – die Folge.
SABINE: Die Folge ist: Beide Aufträge sind zwei Tage später rausgegangen, und ich habe beim Kunden anrufen müssen. Und Christoph, hier muss ich was beichten: In meinem Kopf hatte diese Folge vorher ungefähr die Größe eines Weltuntergangs. Ruf des Betriebs, Zukunft der Firma, Erbe meines Vaters. Als ich sie aufschreiben musste – konkret, nicht intergalaktisch, wie du sagst –, ist sie auf zwei Sätze geschrumpft. Vierzehn Monate Angst für zwei Sätze.
MICHI: Das ist einer der heilsamsten Effekte der Methode: Beim Aufschreiben schrumpfen die Gespenster.
Takt 3: das Gefühl — der Satz, den sie wegwarf
MICHI: Takt drei – das Gefühl. Da war ich bei dir am gespanntesten.
SABINE: Zu Recht. Das war der schwerste. Ich hatte erst so einen Chefinnen-Satz vorbereitet: Das macht mir Sorgen im Hinblick auf unsere Qualitätsstandards.
MICHI: Das ist kein Gefühl, das ist eine Pressemitteilung.
SABINE: Genau das habe ich dann auch gemerkt. Im Gespräch selbst – ich weiß nicht, woher das kam – habe ich den vorbereiteten Satz fallen lassen und die Wahrheit gesagt: Ich merke, dass ich solchen Gesprächen seit Jahren aus dem Weg gehe, weil ich gemocht werden will. Und das ist Ihnen gegenüber nicht fair, denn Sie können bei mir nie erkennen, wo Sie wirklich stehen.
MICHI: Du hast dein eigenes Bedürfnis auf den Tisch gelegt.
SABINE: Ich habe es einfach gesagt, Christoph. Die Frau hat angefangen zu weinen. Nicht schlimm, nicht zusammengebrochen – aber Tränen. Und sie hat gesagt: Ich dachte immer, bei Ihnen ist alles in Ordnung. Und ich bin die Einzige, die merkt, dass es das nicht ist.
MICHI: Da haben sich zwei Nebelmaschinen gegenseitig abgeschaltet.
SABINE: So ungefähr.
Takt 4: das Tun
SABINE: Dann Takt vier: das Tun. Ich hatte vorbereitet: Ich wünsche mir, dass Sie bei jedem Neuauftrag, bei dem etwas unklar ist, zu mir oder zum Fertigungsleiter kommen und fragen. Und ich sichere Ihnen zu, dass Fragen bei uns ab jetzt erwünscht sind. Von mir aus fangen wir beide damit an.
MICHI: Sauber. Wunsch plus eigener Anteil. Und dann?
Die acht Sekunden Stille
SABINE: Und dann kam dein Lieblingsteil: die Stille.
MICHI: Erzähl mir von der Stille.
SABINE: Christoph, diese Stille war das Längste, was ich je erlebt habe. Ich schwöre: In meinem Kopf sind drei Minuten vergangen. Auf der Uhr waren es vielleicht acht Sekunden. Ich hatte deinen Satz im Ohr: Du atmest. Und du zwinkerst nicht. Ich habe mir buchstäblich auf die Zunge gebissen, weil ich irgendetwas sagen wollte. Abschwächen. War nicht so gemeint. Ein Späßchen machen. Die Spülmaschine im Kopf einräumen.
MICHI: Aber du hast gehalten.
SABINE: Ich habe gehalten. Und dann hat sie geredet. Und was dann kam, hätte ich mit keinem Skript der Welt herbeischreiben können. Sie hat erzählt, dass sie seit dem Weggang ihrer alten Kollegin niemanden mehr hat, mit dem sie Unklares durchsprechen kann – und dass sie sich seit einem Jahr jeden Tag vorkommt wie auf Glatteis.
MICHI: Das Sicherheitsbedürfnis – exakt das, was du in der Beobachtung vermutet hattest.
SABINE: Exakt das. Und ich saß da und dachte: vierzehn Monate. Vierzehn Monate haben wir beide gefroren, weil keine von uns den ersten Satz gesagt hat.
Der Haken: Armdrücken mit Pudding
MICHI: Sabine, das ist ein Lehrbuch-Gespräch. Jetzt kommt mein Aber – und du weißt, dass es kommt: Das klingt zu glatt. Sechsundzwanzig Minuten, Tränen, Durchbruch, Happy End?
SABINE: Nein. Du hast recht. Es gibt einen Haken, und der beschäftigt mich seitdem. Als es konkret wurde – also wirklich konkret: Wie machen wir das ab Montag mit dem Fragen und den Prüfprotokollen? Da hat sich was verändert bei ihr. Die Schultern gingen hoch. Und dann kamen so Sätze: Das bringt doch nichts, wenn die anderen in der Fertigung da nicht mitziehen. Und: Das haben wir vor Jahren schon mal probiert, das ist eingeschlafen.
SABINE: Je mehr ich argumentiert habe, warum es diesmal anders wird, desto mehr solcher Sätze kamen. Am Ende haben wir uns auf ein Wiedersehen nächste Woche geeinigt, aber … Es fühlte sich an, als wäre ich gegen ein Kissen gelaufen. Kein Widerstand, an dem man sich reiben kann – nur Nachgiebigkeit, die nicht nachgibt.
MICHI: Sätze wie „Das bringt doch nichts“ und „Das haben wir schon mal probiert“? Sabine, ich muss dich enttäuschen: Auch das ist Lehrbuch. Du bist mit deinem Gespräch exakt bis an die Grenze gekommen, an der der vierte Wegpunkt endet. Der Einstieg hat funktioniert, die Wahrheit ist auf dem Tisch. Und jetzt stehst du vor dem, was auf jeden guten Einstieg wartet: dem Widerstand des anderen.
MICHI: Dein Argumentieren hat ihn nicht kleiner gemacht, sondern größer.
SABINE: Das habe ich gespürt! Jedes meiner Argumente hat ein neues Ja-aber produziert – es war wie Armdrücken mit Pudding.
MICHI: Armdrücken mit Pudding! Den Satz klaue ich dir.
Ausblick: Wegpunkt 5
MICHI: Warum das so ist und was du stattdessen tust? Warum du Widerstand nicht wegargumentieren kannst, sondern manchmal beiseitetreten musst? Das ist Wegpunkt fünf. Nächste Folge. Bis dahin, Sabine: nichts erzwingen. Der Termin nächste Woche findet statt – aber du gehst da ohne Druck rein.
SABINE: Ohne Druck. Das ist für eine Michalski-Hörerin inzwischen fast schon Routine: Immer wenn ich am liebsten lospoltern würde, ist die Hausaufgabe: Lass es.
MICHI: Weil das WIE fast immer leiser ist als das WAS. Sabine – Respekt. Vierzehn Monate, und du bist reingegangen. Was auch immer nächste Woche passiert: Das bleibt.
SABINE: Danke. Und an alle, die noch im Gebüsch liegen: Es sind am Ende zwei Sätze und acht Sekunden Stille. Der Rest ist Angst vor Gespenstern.
MICHI: Besser kriege ich es auch nicht zusammengefasst. Nächste Folge: Widerstände lösen. Bis dahin.
Outro
MICHI: Das war „Streiten mit System“. Wenn du beim nächsten Streit nicht mehr sprachlos sein willst: Abonnier diesen Podcast. Ein Klick – und du verpasst keine Folge. Und auf streiten-mit-system.de liegen meine Soforthilfe-Impulse für dich bereit – kostenlos. Genau wie das Buch. Das ist nicht kostenlos. Aber alle Links in den Shownotes. Ich bin Christoph Maria Michalski – mach es gut und streite klüger!
Links zur Folge
- Die zwölf Soforthilfe-Impulse — kostenlos
- Das Buch „Streiten mit System“ — bei Amazon
- Folge 11: Widerstände lösen — warum Fernheilung nicht funktioniert
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Über den Podcast
„Streiten mit System“ ist der Podcast von Christoph Maria Michalski, dem Konfliktnavigator.
Streiten mit System ist seine Methode zur Konfliktklärung, die einen Konflikt in sechs Schritte gliedert: Bedürfnisse checken, Kategorien steuern, Ziele abwägen, Einstieg üben, Widerstände lösen, Handeln strukturieren.
- Bedürfnisse checken — worum es wirklich geht
- Kategorien steuern — welche Art von Konflikt vorliegt
- Ziele abwägen — was erreichbar ist
- Einstieg üben — wie das Gespräch beginnt
- Widerstände lösen — was dagegenhält
- Handeln strukturieren — was danach passiert
Buch dazu: „Streiten mit System. Wie du lernst, Konflikte zu lieben“ (ISBN 978-3-86980-771-3).
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