Zwischenfolge: „Mein Termin ist verstorben“ — Thomas führt das Gespräch und erfährt, was er befürchtet hat

Zwischenfolge. Thomas führt sein Gespräch und begegnet dem Widerstand, den er befürchtet hat — der fünfte Wegpunkt in der Anwendung.

Seit Februar wanderte Thomas‘ Kalendertermin durch die Wochen. Vergangenen Dienstag um vierzehn Uhr ist er gestorben — weil er stattgefunden hat.

Thomas hat den Widerstand nicht angegriffen, sondern eingeladen. Und bekam einen Satz zu hören, den er nicht mehr vergisst: „Warum sollte ich Ihnen was zeigen? Sie haben mich vor zwei Jahren auch nicht gefragt.“

In dieser Folge

  • Wie aus „Ich will, dass Herr K. sein Verhalten einstellt“ ein Ziel wurde, das Thomas erreichen kann, ohne dass der andere mitspielt
  • Der Einstieg in vier Takten — und warum Thomas seinen eigenen Anteil mit hineingepackt hat: „Wenn ich von ihm Abrüstung will, muss ich meine Waffen zuerst auf den Tisch legen“
  • Die Stille: gefühlte vier Minuten, echte zehn Sekunden. Und ein Blick „wie ein Auto, das rückwärts in die Waschanlage fährt“
  • Der Widerstand kommt — und Thomas tritt beiseite statt dagegenzuhalten. Die Frage, die alles öffnet: „Was müsste passieren, damit Sie sie mir vorher zeigen?“
  • Der Satz, den er nicht mehr vergisst — und was vor zwei Jahren wirklich passiert ist
  • Thomas‘ Angst aus Folge eins bewahrheitet sich. Zur Hälfte: „Die Antwort lautete: auch du.“
  • Wie es ausging: eine Dreiviertelstunde, ein Handschlag, „das war überfällig“

Kapitel

  • 0:47  „Mein Termin ist verstorben“
  • 1:07  Vom Reparieren zum Verstehen: der neue Ziel-Satz
  • 2:04  Der Einstieg in vier Takten
  • 3:26  Der Widerstand — und das Beiseitetreten
  • 4:21  Der Satz, den er nicht mehr vergisst
  • 5:30  „Auch du, Thomas“
  • 6:37  Die drei unbequemen Fragen
  • 7:32  Geredet ist nicht gelöst

Transkript

Vollständiges Transkript lesen

Intro

MICHI: Was wäre, wenn du dich auf deinen nächsten Streit freuen könntest? Nicht, weil du gewinnst. Sondern weil du endlich weißt, was du tust. Das hier ist „Streiten mit System“ – der Konflikt-Podcast. Ich bin Christoph Maria Michalski. Alle sagen dir, WAS du tun sollst. Ich zeige dir, WIE es geht. Denn heute: die letzte Zwischenfolge vor dem sechsten und letzten Wegpunkt. Und es gibt Neuigkeiten aus dem Gebüsch.

MICHI: Thomas, Personalleiter, seit Februar Besitzer eines wandernden Kalendertermins. Thomas – dein Termin. Lebt er noch?

„Mein Termin ist verstorben“

THOMAS: Mein Termin ist verstorben, Christoph.

MICHI: Bitte?

THOMAS: Er ist friedlich entschlafen. Vergangenen Dienstag, vierzehn Uhr – weil er stattgefunden hat.

MICHI: Du Schuft! Ich hatte schon den Nachruf im Kopf. Erzähl. Alles.

Vom Reparieren zum Verstehen: der neue Ziel-Satz

THOMAS: Also. Nach der Widerstands-Folge habe ich zwei Dinge getan. Erstens: meinen Ziel-Satz rausgeholt. Du erinnerst dich, die Hausaufgabe. Meine erste Version – ich lese sie vor, ich habe sie aufgehoben: Ich will, dass Herr K. sein destruktives Verhalten in Meetings einstellt.

MICHI: Der Klassiker. Ich will, dass der andere anders wird.

THOMAS: Nach der Ziele-Folge und der Widerstands-Folge stand da was anderes. Nämlich: Ich will verstehen, wogegen er eigentlich kämpft – und ich will aufhören, Teil des Kampfes zu sein. Das war mein Gesprächsziel. Nicht ihn reparieren. Rausfinden, was da läuft.

MICHI: Das ist ein Ziel, das du erreichen kannst, ohne dass er mitspielen muss. Gut. Und der Einstieg?

Der Einstieg in vier Takten

THOMAS: Vier Takte, nach Schablone. Sache: Herr K., in den letzten drei Führungsrunden haben Sie Zahlen zu meinem Bereich vorgetragen, von denen ich vorher nichts wusste. Folge: Ich saß dreimal vor der Geschäftsleitung und konnte nicht antworten. Gefühl – und Christoph, an dem Satz habe ich am längsten gebaut: Ich merke, dass ich inzwischen mit Anspannung in Runden gehe, in denen Sie sitzen. Und dass ich angefangen habe zurückzuschießen, auf meine Art. Tun:

THOMAS: Ich möchte verstehen, was zwischen uns läuft – und ich möchte, dass wir beide aufhören zu schießen.

MICHI: Du hast deinen eigenen Anteil in den Einstieg gepackt. Das verwaltungsvorgangsförmige Zurückschießen, die liegengelassenen Anträge.

THOMAS: Ich habe sie beim Namen genannt. Wenn ich von ihm Abrüstung will, muss ich meine Waffen zuerst auf den Tisch legen. Das war mir klar. Dann: Stille. Bei mir waren es gefühlt vier Minuten, real wahrscheinlich zehn Sekunden. Er hat mich angeguckt wie ein Auto, das rückwärts in die Waschanlage fährt. Damit hatte er schlicht nicht gerechnet.

Der Widerstand — und das Beiseitetreten

MICHI: Und dann kam der Widerstand?

THOMAS: Erst die kalte Schulter: Ich wüsste nicht, was es da zu besprechen gibt – die Zahlen sind ja korrekt. Und der alte Thomas, der hätte jetzt bewiesen, warum es da etwas zu besprechen gibt. Drei Argumente, fünf Belege, Anlage A bis F.

MICHI: Armdrücken mit Pudding – wie eine gemeinsame Bekannte von uns sagen würde.

THOMAS: Genau das. Stattdessen bin ich beiseitegetreten, wörtlich nach deiner Folge: nicht dagegenhalten, sondern das Ding anschauen. Ich habe gesagt: Die Zahlen sind korrekt, das stimmt. Darum geht es mir nicht. Mir geht es darum, dass Sie sie mir vorher nicht zeigen. Was müsste denn passieren, damit Sie sie mir vorher zeigen?

MICHI: Du hast den Widerstand nicht angegriffen, du hast ihn eingeladen. Was kam?

Der Satz, den er nicht mehr vergisst

THOMAS: Erst nichts. Dann kam ein Satz, den ich vermutlich nicht mehr vergesse: Warum sollte ich Ihnen was zeigen? Sie haben mich vor zwei Jahren auch nicht gefragt.

MICHI: Oh.

THOMAS: Ja. Oh. Vor zwei Jahren gab es eine Umstrukturierung. Ich war frisch in der Rolle, und sein Bereich hat dabei zwei Teams verloren. Ich habe das damals sauber und formal korrekt durchgezogen: Anhörung, Fristen, alles nach Vorschrift. Und ihn als Person habe ich dabei komplett übersprungen. Nicht aus Bosheit. Aus Effizienz. Für mich war das ein abgeschlossener Vorgang. Für ihn war es der Anfang von diesem ganzen Krieg – er kämpft seit zwei Jahren nicht gegen meine Zahlen, sondern um seine Anerkennung.

THOMAS: Und ich habe zwei Jahre lang gedacht: Er ist das Problem.

MICHI: Deine Angst aus Folge eins. Du hast damals gesagt: Solange ich das Gespräch nicht führe, kann ich glauben, dass er das Problem ist. In der Sekunde, wo ich rede, riskiere ich, dass die Antwort lautet: Du, Thomas.

„Auch du, Thomas“

THOMAS: Und die Antwort lautete: auch du, Thomas. Nicht nur ich, das wäre zu einfach. Er hat seine Nadeln gesetzt. Das war real, und das war nicht in Ordnung. Aber der Treibstoff, mit dem dieser Motor zwei Jahre lief – an der Tankstelle habe ich gestanden.

MICHI: Wie ging es aus?

THOMAS: Erstaunlich still. Ich habe gesagt: Das wusste ich nicht. Und das hätte ich damals anders machen müssen – nicht formal, menschlich. Keine Rechtfertigung hinterher. Das war schwer, die lag mir auf der Zunge: Aber ich war ja damals neu, aber der Zeitdruck … Verschluckt. Einfach stehen lassen. Und dann haben wir zum ersten Mal seit zwei Jahren geredet wie zwei Leute, die im selben Laden arbeiten.

THOMAS: Eine Dreiviertelstunde. Beim Rausgehen hat er mir die Hand gegeben und gesagt: Das war überfällig. Christoph, ich bin aus dem Raum geschwebt. Ich habe mich gefühlt wie nach bestandener Führerscheinprüfung.

Die drei unbequemen Fragen

MICHI: Thomas, das ist groß. Und jetzt tue ich dir etwas an, das dir keiner sonst antun wird – denn alle anderen werden dir gratulieren: Ich stelle dir drei kurze Fragen. Erstens: Was genau macht ihr jetzt anders? Welche Zahlen zeigt er dir wann?

THOMAS: Das … haben wir so konkret nicht –

MICHI: Zweitens: Was ist mit deinen liegengebliebenen Anträgen? Bis wann sind die abgearbeitet – und woran merkt er, dass sich das geändert hat?

THOMAS: Hm.

MICHI: Drittens: Wann sprecht ihr wieder? Datum, Uhrzeit?

THOMAS: Es gibt kein Datum. Es gibt einen Handschlag und ein gutes Gefühl. Du willst mir gerade sagen, dass ich auf dem Absatz kehrtmachen muss, oder?

Geredet ist nicht gelöst

MICHI: Ich will dir sagen, was der sechste Wegpunkt sagt: Ein Gespräch zu führen ist noch keine Lösung. Ihr habt etwas Wunderbares geschafft. Ihr habt den Krieg beendet – aber ihr habt den Frieden nicht organisiert. Und ein unorganisierter Frieden ist ein Waffenstillstand. Der hält genau bis zur nächsten Führungsrunde, in der irgendeine Zahl auftaucht und einer von euch beiden müde ist.

MICHI: Dann sitzt ihr wieder da und denkt: Wir hatten doch geredet. Wie kann das sein? Ich habe doch geredet.

THOMAS: Das wäre nach dieser Geschichte wirklich die dümmste aller Pointen.

MICHI: Deshalb ist sie die häufigste. Erleichterung ist der gefährlichste Moment im ganzen Konflikt, Thomas. Man verwechselt „es ist raus“ mit „es ist gelöst“ – und genau in dieser Lücke wächst der alte Konflikt nach. Wie du aus dem Handschlag eine Vereinbarung machst, ohne den Zauber von Dienstag kaputtzumachen: nächste Folge. Wegpunkt sechs. Der letzte.

THOMAS: Dann weiß ich ja, was ich bis dahin nicht tue: mich ausruhen.

MICHI: Du darfst dich einen Abend lang feiern. Ehrlich. Was du gemacht hast: reingehen, den eigenen Anteil zuerst auf den Tisch, die Rechtfertigung verschlucken – das ist die hohe Schule. Ab morgen früh gilt: Geredet ist nicht gelöst.

THOMAS: Einen Abend nehme ich. Und an alle, die noch ihren Termin verschieben: Das Schlimmste, was mir passiert ist, war die Antwort „auch du“. Und selbst die war besser als zwei weitere Jahre Krieg aus Verwaltungsvorgängen.

Outro

MICHI: Besseres Schlusswort gibt es nicht. Nächste Folge: Handeln strukturieren. Das Staffelfinale der Wegpunkte. Bis dahin. Und auf streiten-mit-system.de liegen meine Soforthilfe-Impulse für dich bereit – kostenlos. Genau wie das Buch. Das ist nicht kostenlos. Aber alle Links in den Shownotes.

MICHI: Ich bin Christoph Maria Michalski – mach es gut und streite klüger!

Links zur Folge

Keine Folge verpassen

Konflikte kommen unangekündigt. Neue Folgen auch. Abonnier den Podcast, dann bist du vorbereitet.

Auch bei Apple Podcasts · Amazon Music · Deezer · RSS-Feed

Über den Podcast

„Streiten mit System“ ist der Podcast von Christoph Maria Michalski, dem Konfliktnavigator.

Streiten mit System ist seine Methode zur Konfliktklärung, die einen Konflikt in sechs Schritte gliedert: Bedürfnisse checken, Kategorien steuern, Ziele abwägen, Einstieg üben, Widerstände lösen, Handeln strukturieren.

  1. Bedürfnisse checken — worum es wirklich geht
  2. Kategorien steuern — welche Art von Konflikt vorliegt
  3. Ziele abwägen — was erreichbar ist
  4. Einstieg üben — wie das Gespräch beginnt
  5. Widerstände lösen — was dagegenhält
  6. Handeln strukturieren — was danach passiert

Buch dazu: „Streiten mit System. Wie du lernst, Konflikte zu lieben“ (ISBN 978-3-86980-771-3).


← Folge 11: Widerstände lösen — warum Fernheilung nicht funktioniert  ·  Folge 13: Handeln strukturieren — warum Reden allein nichts löst →