Finale: Die Kunst des Arguments und der Entschuldigung — und wie es mit Sabine und Thomas ausging
Das Finale der Staffel. Christoph Maria Michalski behandelt zwei Handwerksstücke — das Argument und die Entschuldigung — und löst auf, wie es mit Sabine und Thomas ausgegangen ist.
Zwei Szenen, die du kennst: Du bringst dein bestes Argument, und zurück kommt „Man merkt, dass du keine Ahnung hast.“ Und: Jemand verletzt dich und sagt „Sorry, war nicht so gemeint“ — und irgendwie ist es damit nicht gut.
Beides ist Handwerk. Und zum Schluss der Staffel lösen Sabine und Thomas ein, was seit Folge eins offen war.
In dieser Folge
- Woraus ein sauberes Argument besteht: These, Begründung, Beispiel. Und warum meistens das Beispiel fehlt
- Die seriösen Sorten: Fakten, Norm, Autorität, Analogie, indirekt, Plausibilität
- Die Scheinargumente mit ihren schönen lateinischen Namen: das Argument mit dem Stock, der Appell ans Mitleid, die Beweisrede fürs Volk — und das berühmteste, ad hominem
- Die Widerspruchshierarchie: von der Widerlegung des zentralen Punkts ganz oben bis zur Beschimpfung im Keller
- Und die entlastendste Erkenntnis dieser Staffel: Je persönlicher der andere wird, desto besser hast du argumentiert. Wer ad hominem wird, gesteht seine Niederlage. Das ist keine Beleidigung, das ist eine Auszeichnung
- Warum „Sorry“ oft nicht reicht: Ent-schuldigung ist sprachlich eine Selbstfreisprechung — ich befreie mich von Schuld, ohne Verantwortung zu übernehmen
- Bei einem echten Fehler kann ich mich nicht selbst freisprechen. Ich kann nur um Verzeihung bitten — und die Absolution muss mir erteilt werden
- Die sechs Bestandteile einer echten Entschuldigung. Zähl mit, wie viele im Alltag fehlen
- Wie das in echt klingt: die Sache mit Jennifer, Satz für Satz
- Und die charmante Alltagsvariante: Aus „Entschuldigen Sie die Verspätung“ wird „Danke, dass Sie gewartet haben“
Kapitel
- 0:35 Kaltöffner: zwei Szenen
- 2:08 Woraus ein Argument besteht
- 2:39 Die seriösen Argumentsorten
- 3:50 Die Scheinargumente
- 4:58 Der Whataboutismus
- 5:42 Die Widerspruchshierarchie
- 6:46 Warum ad hominem eine Auszeichnung ist
- 8:01 Warum „Sorry“ nicht reicht
- 9:36 Die sechs Bestandteile einer echten Entschuldigung
- 11:02 Die Sache mit Jennifer
- 12:16 Aus Entschuldigung wird Dank
- 12:47 Zwei Künste, ein Kern
- 13:39 Satz der Woche: „Wenn du das so empfunden hast“
- 15:21 Die Auflösung: Sabine
- 17:53 Die Auflösung: Thomas
- 20:12 Was den Ausschlag gab
- 21:01 Die Schlussworte
Transkript
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Intro
MICHI: Was wäre, wenn du dich auf deinen nächsten Streit freuen könntest? Nicht, weil du gewinnst. Sondern weil du endlich weißt, was du tust. Das hier ist „Streiten mit System“ – der Konflikt-Podcast. Ich bin Christoph Maria Michalski. Alle sagen dir, WAS du tun sollst. Ich zeige dir, WIE es geht. Die Kunst des Arguments und der Entschuldigung.
Kaltöffner: zwei Szenen
MICHI: Zwei Szenen, die du garantiert kennst. Szene eins: Eine Diskussion läuft heiß. Du bringst dein bestes Argument – und statt einer Antwort kommt zurück: Also, so wie du das sagst, merkt man, dass du davon echt keine Ahnung hast. Zack! Vom Thema auf die Person. Und du spürst, wie es in dir hochkocht. Szene zwei: Jemand rempelt dich an, tritt dir auf den Fuß, sagt etwas Verletzendes – und dann, schnell hingeworfen: Sorry, so war das nicht gemeint.
MICHI: Und irgendwie ist es damit nicht gut. Es nagt. Du kommst in Gedanken immer wieder auf diese Situation zurück. Beide Szenen haben mit Handwerk zu tun. Mit zwei Künsten, die kaum jemand wirklich beherrscht, obwohl wir sie ständig gebrauchen: gut argumentieren – und sich richtig entschuldigen. Darum geht es heute. Herzlich willkommen zu einer Bonusfolge von „Streiten mit System“.
MICHI: Mein Name ist Christoph Maria Michalski. In den letzten Folgen sind wir die Wegpunkte entlanggegangen: Bedürfnisse, Kategorien, Ziele. Heute machen wir einen Schwenk und nehmen uns zwei Werkzeuge im Detail vor, die ich in den Folgen nur kurz streifen konnte: die Kunst des Arguments, das zur Kategorie Debatte gehört – und die Kunst der Entschuldigung, die du immer dann brauchst, wenn mal was zu Bruch gegangen ist.
Woraus ein Argument besteht
MICHI: Also fangen wir bei den Argumenten von vorn an. Ein sauberes Argument besteht aus drei Teilen: einer These, einer Begründung und einem Beispiel. Behauptung. Warum? Und ein konkreter Beleg, an dem man es festmachen kann. Klingt simpel – aber hör im Alltag mal genau hin, wie oft eines dieser drei Teile fehlt. Meistens das Beispiel, und dann bleibt die Behauptung in der Luft hängen.
Die seriösen Argumentsorten
MICHI: Es gibt verschiedene Sorten von seriösen Argumenten. Ich gehe sie kurz durch, weil es hilft, sie zu erkennen – bei anderen und bei sich selbst. Das Faktenargument: Zahlen, Daten, Fakten – im Deutschen praktischerweise das ZDF. Das ist das stärkste, wenn die Fakten stimmen. Das normative Argument: Es beruft sich auf gesellschaftliche Werte und Normen. Das gehört sich nicht. Das ist nur fair.
MICHI: Das Autoritätsargument stützt sich auf Aussagen von Experten oder anerkannten Organisationen: Die Verbraucherzentrale, der TÜV sagt … Das analogisierende Argument vergleicht mit einem ähnlichen Bereich: Das ist wie beim … Das indirekte Argument: Du greifst die Position der Gegenseite auf und widerlegst sie von innen. Das Plausibilitätsargument, die schlichte logische Schlussfolgerung: Wenn A, dann folgt B. Du musst dir die Liste nicht auswendig merken – aber es lohnt sich, ein Ohr dafür zu entwickeln.
Die Scheinargumente
MICHI: Denn daneben gibt es eine zweite Gruppe: die Scheinargumente. Sie sehen aus wie Argumente, sind aber keine. Die Rhetorik hat dafür schöne lateinische Namen. Das argumentum ad baculum – das Argument mit dem Stock, also die versteckte Drohung: Überleg dir gut, ob du da widersprichst. Das argumentum ad misericordiam – der Appell ans Mitleid: Hast du eine Ahnung, wie schwer ich es gerade habe?
MICHI: Das argumentum ad populum – die Beweisrede fürs Volk: Das sehen doch alle so. Und das berühmteste: das argumentum ad hominem. Die angebliche Beweisführung durch Abwertung des Menschen. Nicht das Argument wird angegriffen, sondern du. Und das war genau die Szene eins am Anfang.
Der Whataboutismus
MICHI: Einen besonders fiesen Trick will ich noch entlarven, weil seine Unkenntnis einen erst mal sprachlos macht – und genau daraus zieht er seine Macht: Das ist der Whataboutismus. Den hatten wir schon in Folge zwei, also nur zur Erinnerung: Er lenkt vom Thema ab, indem er eine völlig zusammenhanglose Gegenfrage stellt. Wenn du deinen Teller nicht leer isst, verhungert irgendwo ein Kind in Afrika.
MICHI: Null Zusammenhang zwischen Teller und Kind – und genau das macht ihn so wirksam. Die einzig saubere Reaktion ist meine Lieblingsfrage: Ich verstehe nicht, wie das zusammenhängt. Kannst du mir das bitte erklären?
Die Widerspruchshierarchie
MICHI: Jetzt kommt ein Gedanke, der für mich der wertvollste in diesem Bereich ist. Es gibt eine Art Stufenleiter oder Pyramide des Widersprechens, eine Hierarchie. Ganz oben, auf der höchsten und stärksten Stufe, steht die Widerlegung des zentralen Punktes. Darunter die Widerlegung eines Fehlers mit Begründung, darunter das Gegenargument, dann bloßer Widerspruch ohne Belege, weiter unten Kritik am Sprachstil – und ganz unten, im Keller, der Angriff auf den Menschen.
MICHI: Die Beschimpfung in Alltagssprache. Und jetzt das Entscheidende: Je tiefer die Argumentation deines Gegenübers in dieser Pyramide, in dieser Stufenleiter nach unten rutscht, umso emotionaler fällt unsere eigene Reaktion aus. Das ist vollkommen natürlich, denn du wirst ja nicht mehr in der Sache, sondern als Mensch infrage gestellt.
Warum ad hominem eine Auszeichnung ist
MICHI: So, jetzt lade ich dich ein zu einem Perspektivwechsel: Je weiter unten dir die Argumentationslinie entgegenschlägt, umso besser hast du argumentiert. Denn der andere hat dir in der Sache nichts mehr entgegenzusetzen. Aus Hilflosigkeit greift er dich auf der persönlichen Ebene an. Mit anderen Worten: Wenn jemand ad hominem wird, also auf den Menschen geht, wenn er persönlich wird – dann ist das kein Grund, sich zu ärgern.
MICHI: Im Gegenteil. Das ist eine Auszeichnung. Du hast gewonnen. Du kannst stolz auf dich sein. Lehn dich zurück und genieße den Moment. Die einzig richtige Reaktion auf diesen unterirdischen Stufengebrauch ist Schweigen und Ignorieren. Denn das machen die Champions. Das ist, finde ich, eine ungeheuer entlastende Erkenntnis. Der persönliche Angriff, der uns am meisten trifft, ist in Wahrheit das Eingeständnis der Niederlage des anderen.
Warum „Sorry“ nicht reicht
MICHI: Kommen wir nun zur zweiten Kunst: der Entschuldigung. Zurück zu Szene zwei: Sorry, war nicht so gemeint. Schnell gesagt – und trotzdem ahnen wir, dass damit nicht alles gut ist. Es nagt. Warum? Schau dir das Wort genauer an: Ent-schuldigung. Das ist sprachlich eine Schuldbefreiung. Ich befreie mich von der Schuld – aber ich übernehme keine Verantwortung. Hör mal hin: Sorry, das ist nicht mein Aufgabengebiet. Sorry, bei der Sitzung war ich nicht dabei, das wurde ohne mich entschieden.
MICHI: Entschuldigung, das war der letzte freie Mutter-Kind-Parkplatz. Dieses Eingangswort hat eine magische Wirkung. Es stimmt uns milder, weil jemand nicht sofort in die Opposition geht, sondern scheinbar Einsicht zeigt. Aber die Tat selbst, das Vorgehen, wird überhaupt nicht zurückgenommen. Beim versehentlichen Anrempeln in der Hotellobby reicht so eine Entschuldigung völlig aus. Bei einer echten zwischenmenschlichen Verletzung reicht es nicht aus. Denn bei einem echten Fehler kann ich mich nicht selbst freisprechen.
MICHI: Ich kann nur um Verzeihung bitten – und die Absolution muss mir erteilt werden. Beim Boxkampf signalisiert man das mit dem leichten Abschlagen der Handschuhe. Aber ich kann es nicht erzwingen – ich kann nur darum bitten.
Die sechs Bestandteile einer echten Entschuldigung
MICHI: Zu einer ehrlichen Entschuldigung gehören sechs Teile. Ich zähle sie dir auf, und du wirst merken, wie viele davon im Alltag fehlen. Erstens: das Bedauern ausdrücken. Und in diesem Bedauern steckt wieder die Emotion. Ohne ein aufrichtiges Bedauern wirkt die Entschuldigung scheinheilig und nur dahergesagt. Zweitens: das Fehlverhalten zugeben – und zwar konkret benennen, was war.
MICHI: Drittens: die Verantwortung dafür übernehmen. Nicht „falls sich jemand angegriffen gefühlt hat“, sondern: Ich habe das getan. Viertens: zumindest einen Hauch von Reue. Genau das fehlt in den gesellschaftlich üblichen Formen fast immer. Da läuft es nach dem Muster: Fehler, Entschuldigung, weitermachen ohne Aufwand. Der fünfte Punkt ist ein Angebot der Wiedergutmachung. Und sechstens die Bitte um Vergebung – und die hat es in sich.
MICHI: Denn wenn ich um Vergebung bitte, könnte es theoretisch passieren, dass ich sie nicht bekomme. Da steckt ein Risiko drin, eine Abhängigkeit vom Wohlwollen des anderen. Und deshalb lohnt sich der Aufwand nur, wenn ich es wirklich ehrlich meine.
Die Sache mit Jennifer
MICHI: Theorie ist das eine. Hören wir uns das aus meiner Praxis an. Stell dir vor, du bist im Teammeeting ausgerastet und hast jemandem unfair Dinge an den Kopf geworfen. Am nächsten Tag gehst du zu dieser Person: Jennifer, mein Ausraster und meine Wortwahl gestern im Meeting tun mir leid. Ich habe nicht gründlich genug recherchiert und dir dann Sachen an den Kopf geworfen, die nicht okay waren.
MICHI: Ich schreibe gleich eine Rundmail an alle Teilnehmenden und entschuldige mich darin für meinen Auftritt. Kannst du mir bitte verzeihen? Hörst du die Bausteine? Bedauern. Fehler zugeben. Verantwortung. Wiedergutmachung durch die Rundmail. Bitte um Vergebung. Und jetzt kommt das Feine: Du wartest ihre Antwort ab. Und wenn sie zustimmt, ergänzt du: Ich würde gern in der Mail schreiben, dass wir uns ausgesprochen haben.
MICHI: Ist das für dich in Ordnung? Und jetzt ganz wichtig: Setz Jennifer nicht unter Druck. Schreib nicht „Sie hat mir verziehen“ in diese Mail. Vielleicht braucht sie noch etwas Zeit zum Verdauen. Mehr als „Wir haben uns ausgesprochen“ geht die anderen ohnehin nichts an.
Aus Entschuldigung wird Dank
MICHI: Noch eine charmante Kleinigkeit für den Alltag: Wenn du zu spät zu einem Termin kommst – deine Verspätung löst sich ja nicht in Luft auf, und der Dackelblick hilft da nur wenig. Probier mal die elegante Variante: Danke, dass Sie auf mich gewartet haben. Ich weiß es zu schätzen, dass Sie nicht gegangen sind. Aus einer Entschuldigung wird ein Dank – und die Stimmung dreht sich total.
Zwei Künste, ein Kern
MICHI: Halten wir fest: zwei Künste, ein gemeinsamer Kern. Beim Argumentieren gilt: Erkenne die Stufe, auf der gestritten wird. Und je persönlicher der andere wird, desto klarer hast du die Sache gewonnen. Schweige. Und bleib souverän. Beim Entschuldigen gilt: Ein echtes „Es tut mir leid“ ist kein Wort, sondern das sind sechs Schritte. Die wahre Meisterschaft zeigt sich dann, wenn du nachfragst, ob wirklich keine Neige im Glas geblieben ist.
MICHI: Übrigens: Beides bricht das übliche Muster, und beides ist Übung. Und dieser Musterbruch ist es, der dich im Konflikt mit dem anderen verbunden hält – weil der ja neugierig ist, wie es weitergeht.
Satz der Woche: „Wenn du das so empfunden hast“
MICHI: „Wenn du das so empfunden hast, dann tut es mir leid.“ Der Klassiker unter den Scheinentschuldigungen – und man muss ihn bewundern. In neun Wörtern schafft er es, sich zu entschuldigen und gleichzeitig alles zurückzunehmen. Wir hatten ja heute die sechs Bestandteile einer echten Entschuldigung – gehen wir sie durch. Bedauern? Formal ja: Tut mir leid. Aber wofür? Nicht für die Tat. Für das Empfinden des anderen. Verantwortung übernehmen?
MICHI: Fehlanzeige. Im Gegenteil. Reue: keine. Wiedergutmachung: kommt nicht vor. Der ganze Trick steckt in dem einzigen Wörtchen „wenn“: Wenn du das so empfunden hast! Damit steht die Tat gar nicht zur Debatte. Zur Debatte steht die Empfindlichkeit des Verletzten. Der andere darf sich am Ende auch noch dafür rechtfertigen, dass er sich überhaupt verletzt gefühlt hat. Deshalb wirkt dieser Satz oft schlimmer als gar keine Entschuldigung.
MICHI: Gar keine ist ehrlich. Dies ist eine Rückgabe mit Verpackung. Und die Reparatur ist erstaunlich kurz: Das „wenn“ streichen, das „so empfunden“ streichen – und die Tat benennen. Ich habe dich vor versammelter Mannschaft korrigiert. Das war respektlos, das tut mir leid. Zwei Sätze. Kein Aber dahinter. Das ist der schwerste Teil. Denn das Aber macht alles davor zunichte. Eine Entschuldigung endet mit einem Punkt.
Die Auflösung: Sabine
MICHI: Bleib noch einen Moment. Denn zwei Geschichten bin ich dir über diese ganze Staffel schuldig geblieben – und Schulden zahlt man am Ende zurück. Sabine, Thomas – seid ihr beide da?
SABINE: Bin da.
THOMAS: Ich auch.
MICHI: Dann der Reihe nach. Sabine. Als wir zuletzt sprachen, warst du gegen ein Kissen gelaufen. Frau M. hatte allem zugestimmt und nichts geglaubt: Das bringt doch nichts. Das ist schon mal eingeschlafen. Was ist draus geworden?
SABINE: Ich bin in das zweite Gespräch gegangen, wie verordnet: ohne Druck. Kein einziges Argument dabei. Und statt ihr zu beweisen, dass es diesmal anders wird, habe ich sie gefragt: Woran würden Sie denn merken, dass es diesmal nicht einschläft? Christoph, die Frau hat mich angesehen, als hätte ich ihr einen Heiratsantrag gemacht. Das hatte sie noch nie jemand gefragt.
MICHI: Und woran würde sie es merken?
SABINE: An etwas lächerlich Kleinem. Sie hat gesagt: Wenn Sie in vier Wochen noch wissen, dass wir dieses Gespräch geführt haben. Das war alles. Ihr ganzer Widerstand war die Erwartung, vergessen zu werden. Also haben wir es festgemacht – nach Wegpunkt sechs, mit allem Zubehör: Jeden Montag zehn Minuten. Sie bringt die offenen Fragen der Woche mit, ich bringe gar nichts mit außer Zeit.
SABINE: Erster Termin stand im Kalender, bevor sie aus dem Büro war.
MICHI: Und heute? Das ist jetzt … wie lange her?
SABINE: Elf Wochen. Die Montagsrunde ist zehnmal passiert und einmal verschoben worden. Verschoben, Thomas – nicht gelöscht. Die letzten beiden Neuaufträge liefen ohne eine einzige Nacharbeit. Aber das Wichtigste ist was anderes: Ich habe ihr vor drei Wochen zum ersten Mal eine Kritik gesagt, ohne vorher eine Nacht wachzuliegen. Einfach so, dienstags um elf, im Vorbeigehen, vier Takte. Und sie hat mich am Mittwoch trotzdem gegrüßt – genau wie immer.
SABINE: Diese Angst, wegen der ich vierzehn Monate im Gebüsch lag – die war erfunden. Von mir. Für mich.
MICHI: Die Angst war erfunden. Von mir. Für mich.
Die Auflösung: Thomas
MICHI: Das lasse ich einfach stehen. Thomas. Bei dir war die Lage umgekehrt: Der große Durchbruch war da, der Handschlag war da – und ich habe dir den Abend versaut mit drei Fragen, auf die es keine Antwort gab. Kein Was. Kein Bis-wann. Kein Datum. Waffenstillstand statt Frieden. Hat er gehalten?
THOMAS: Der Waffenstillstand hätte nicht gehalten, das kann ich inzwischen mit Sicherheit sagen. Zwei Wochen nach unserem Gespräch tauchte in einer Vorlage wieder eine Zahl aus meinem Bereich auf, die ich nicht kannte. Altes Muster. Ich habe den Stich gespürt, sofort, das ganze Programm. Der Krieg stand quasi mit dem Mantel in der Tür und fragte, ob wir weitermachen.
MICHI: Und war es so?
THOMAS: Diesmal hatte ich Wegpunkt sechs im Rücken. Ich bin nicht in die alte Schleife. Ich bin zu ihm gegangen – am selben Tag – und habe gesagt: Herr K., wir haben einen Handschlag, aber wir haben keine Regeln. Das war mein Fehler. Ich hole das jetzt nach. Wir haben eine Stunde gebraucht und drei Sätze aufgeschrieben. Wörtlich aufgeschrieben, beide unterschrieben. Klingt spießig, wirkt Wunder:
THOMAS: Zahlen, die den anderen Bereich betreffen, gehen achtundvierzig Stunden vorher an den anderen. Anträge werden binnen fünf Arbeitstagen beantwortet oder mit Begründung terminiert. Und jeden ersten Donnerstag im Monat: zwanzig Minuten, nur wir zwei. Keine Agenda von oben.
MICHI: Drei Sätze auf Papier gegen zwei Jahre Stress.
THOMAS: Seit dem Papier ist etwas passiert, womit ich nicht gerechnet hatte. Die Zahl, die zwei Wochen danach kam – die war übrigens der letzte Nadelstich. Seitdem kam keiner mehr. In der letzten Führungsrunde hat Herr K. einen Punkt aus meinem Bereich verteidigt. Meinen Punkt. Ich saß da und dachte: Wir sind keine Freunde geworden, das werden wir auch nicht. Aber wir arbeiten im selben Laden.
THOMAS: Zum ersten Mal seit zwei Jahren.
Was den Ausschlag gab
MICHI: Und jetzt schließt sich der Kreis zu dieser Bonusfolge, und deshalb erzähle ich es: Was bei euch beiden den Ausschlag gegeben hat, war keine Technik. Sabine – dein Wendepunkt war der Moment, in dem du im ersten Gespräch dein eigenes Bedürfnis auf den Tisch gelegt hast, ohne Rechtfertigung. Thomas – deiner war eine Entschuldigung ohne Aber. Du hast gesagt: Das hätte ich anders machen müssen.
MICHI: Und dann hast du den Mund gehalten, obwohl die Rechtfertigung schon auf der Zunge lag. Genau davon handelte diese Folge: Ein Argument gewinnt Diskussionen. Eine echte Entschuldigung beendet Kriege.
Die Schlussworte
SABINE: Darf ich noch was sagen? An die Leute, die jetzt zuhören und ihr eigenes Gespräch vor sich herschieben – so wie ich damals.
MICHI: Deshalb seid ihr hier.
SABINE: Ihr wartet auf den Moment, in dem ihr euch bereit fühlt. Ich verrate euch was: Der kommt nicht. Ich habe vierzehn Monate auf ihn gewartet. Man fühlt sich nicht erst bereit und geht dann rein. Man geht rein – und wird es unterwegs.
THOMAS: Von mir nur das: Ich hatte Angst vor der Antwort: Du bist das Problem, Thomas. Die Antwort kam – sie hieß: auch du. Es war die nützlichste Information, die ich in zwei Jahren bekommen habe. Die Wahrheit über den eigenen Anteil ist billiger als jeder Coach. Und ich hatte bekanntlich zwei.
MICHI: Damit ist diese Staffel erzählt. Sechs Wegpunkte, zwei Menschen, die im Gebüsch lagen und rausgekommen sind – und ein ganzer Wald voller Leute, die noch drinliegen und sich durch die Zweige zuwinken. Falls du einer davon bist: Du hast jetzt alles, was du brauchst. Das System kennst du. Der Termin gehört in den Kalender. Und falls du ihn verschiebst: Verschieben ist erlaubt. Löschen nie.
MICHI: Ich bin Christoph Maria Michalski. Das war „Streiten mit System“ – und das bleibt es auch. Der Podcast läuft weiter, und wir hören uns. Bis dahin: Streit dich gut.
Outro
MICHI: Wenn du jetzt schon etwas in der Hand haben willst: Auf streiten-mit-system.de warten meine zwölf Soforthilfe-Impulse auf dich. Kostenlos, sofort anwendbar, genau für den Streit, den du gerade vor dir herschiebst.
MICHI: Wer tiefer einsteigen will? Alles zusammen steht in meinem Buch „Streiten mit System“. Alle Links in den Shownotes.
Links zur Folge
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Konflikte kommen unangekündigt. Neue Folgen auch. Abonnier den Podcast, dann bist du vorbereitet.
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Über den Podcast
„Streiten mit System“ ist der Podcast von Christoph Maria Michalski, dem Konfliktnavigator.
Streiten mit System ist seine Methode zur Konfliktklärung, die einen Konflikt in sechs Schritte gliedert: Bedürfnisse checken, Kategorien steuern, Ziele abwägen, Einstieg üben, Widerstände lösen, Handeln strukturieren.
- Bedürfnisse checken — worum es wirklich geht
- Kategorien steuern — welche Art von Konflikt vorliegt
- Ziele abwägen — was erreichbar ist
- Einstieg üben — wie das Gespräch beginnt
- Widerstände lösen — was dagegenhält
- Handeln strukturieren — was danach passiert
Buch dazu: „Streiten mit System. Wie du lernst, Konflikte zu lieben“ (ISBN 978-3-86980-771-3).
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