Die sechs Wegpunkte

Die sechs Wegpunkte bilden den Aufbau der Methode Streiten mit System von Christoph Maria Michalski: (1) Bedürfnisse checken — worum es wirklich geht; (2) Kategorien steuern — welche Art von Konflikt vorliegt; (3) Ziele abwägen — was erreichbar ist; (4) Einstieg üben — wie das Gespräch beginnt; (5) Widerstände lösen — was dagegenhält; (6) Handeln strukturieren — was danach passiert.

Wozu das gut ist

Die meisten Konflikte scheitern nicht an bösem Willen. Sie scheitern daran, dass niemand weiß, wo er anfangen soll. Also wird abgewartet, umschifft, auf die nächste Runde vertagt — und irgendwann ist die Sache so groß, dass man sie gar nicht mehr angreifen mag.

Ein Konflikt lässt sich nicht als Ganzes lösen. In Schritte zerlegt schon. Die sechs Wegpunkte sind diese Schritte: keine starre Reihenfolge, die du abarbeiten musst, sondern eine Landkarte, auf der du springen darfst. Wer weiß, an welchem Punkt er gerade steht, weiß auch, was als Nächstes zu tun ist.

Die sechs Wegpunkte im Einzelnen

1 · Bedürfnisse checken. Emotionen sind Botschafter von Bedürfnissen. Deine Wut ist nie das Thema, sie ist der Bote. Dahinter stehen drei große Bedürfnisse: Sicherheit, Zugehörigkeit, Wachstum. Bevor du den Mund aufmachst, schau nach, welches davon bei dir leer ist — und welches beim anderen.

2 · Kategorien steuern. Debatte, Spiel oder Kampf? Es gibt drei Formen der Auseinandersetzung, und wenn zwei Menschen gleichzeitig in unterschiedlichen Kategorien unterwegs sind, kommt es zu keiner Lösung — egal wie gut die Argumente sind. Sortenrein bleiben ist die halbe Arbeit.

3 · Ziele abwägen. Hin zu, nicht weg von. Und nur auf eine Scheibe zielen. In jedem Anliegen stecken zwei Ziele: das offene, das du aussprichst, und das verborgene, das du oft selbst nicht kennst. Wer beide trennt, streitet plötzlich über etwas anderes.

4 · Einstieg üben. Der erste Satz entscheidet über die Richtung des ganzen Gesprächs. Dafür gibt es eine Schablone in vier Schritten: die 4-Takt-Methode. Danach kommt das Schwerste — die Stille.

5 · Widerstände lösen. Nach deinem ersten Satz kommt, was kommen muss: Ausreden, Rechtfertigungen, Gegenangriffe. Den Widerstand des anderen kannst du nicht wegmachen. Mit ihm arbeiten kannst du sehr wohl, und Widerstand ist dabei dein Ratgeber, nicht dein Feind.

6 · Handeln strukturieren. Wer macht was bis wann wie mit wem? Ein gutes Gespräch ist noch keine Lösung. Vorbei ist ein Konflikt erst, wenn sich etwas im Handeln ändert — sonst steht er drei Wochen später wieder da, exakt derselbe.

Die sechs Wegpunkte von Streiten mit System als Route: Bedürfnisse checken, Kategorien steuern, Ziele abwägen, Einstieg üben, Widerstände lösen, Handeln strukturieren
Die sechs Wegpunkte im Überblick

Ein Beispiel

Ein Personalleiter schiebt seit Februar ein Gespräch mit seinem Teamleiter vor sich her. Er hat Bücher gelesen, Seminare besucht, gibt selbst Workshops über schwierige Gespräche. Trotzdem wandert der Termin durch die Wochen.

Beim zweiten Wegpunkt fällt ihm auf, warum: Er und sein Teamleiter debattieren gar nicht. Sie kämpfen — in Zeitlupe und mit Krawatte. Alles, was er sich vorher zurechtgelegt hatte, war auf eine Debatte gebaut und musste deshalb scheitern. Die Erkenntnis hat ihm nicht geschmeckt, aber sie hat den Termin stattfinden lassen.

Woran es scheitert

An zwei gegenläufigen Fehlern. Der eine: Wegpunkte überspringen und gleich beim vierten anfangen, weil dort die Werkzeuge liegen. Ein guter erster Satz ohne geklärtes Ziel ist ein präziser Schuss auf die falsche Scheibe.

Der andere: beim ersten Wegpunkt hängen bleiben. Bedürfnisse zu verstehen ist angenehm, und Verstehen fühlt sich nach Fortschritt an. Die Analyse kann so zum nächsten Sättigungsmittel werden — man redet über den Konflikt, damit man ihn nicht führen muss. Der Ersatz macht satt.

Häufige Fragen

Muss ich die Wegpunkte in dieser Reihenfolge durchgehen?

Nein. Die sechs Wegpunkte sind eine Landkarte, kein Ablaufplan, und je nach Lage kannst du springen. Beim ersten Durchgang hilft die Reihenfolge trotzdem, weil jeder Wegpunkt etwas klärt, das der nächste voraussetzt.

Wie lange dauert ein Durchgang?

Die ersten drei Wegpunkte finden in deinem Kopf statt und brauchen oft nur Minuten, manchmal einen Spaziergang. Ab Wegpunkt vier wird es zu einem Gespräch, und dessen Länge bestimmst nicht du allein.

Funktioniert das auch privat?

Ja. Die Wegpunkte sind für Führungskräfte und Teams entwickelt, greifen aber überall, wo Menschen etwas miteinander klären müssen — am Küchentisch genauso wie im Besprechungsraum.

Brauche ich das Buch dazu?

Für den Überblick nicht, dafür stehen die Wegpunkte hier. Das Buch führt jeden Wegpunkt mit Übungen und Fallbeispielen aus, und wer die Methode wirklich anwenden will, braucht diese Tiefe irgendwann.

Was ist der Unterschied zu anderen Konfliktmodellen?

Die meisten Modelle beschreiben, was zu tun ist. Die sechs Wegpunkte beschreiben, in welcher Reihenfolge — und genau daran scheitert es im Ernstfall, nicht am Wissen.


Christoph Maria Michalski, der Konfliktnavigator, ist Autor von „Streiten mit System“ und arbeitet mit Führungskräften und Teams an der Klärung von Konflikten.

Mehr dazu: das Buch „Streiten mit System. Wie du lernst, Konflikte zu lieben“ (ISBN 978-3-86980-771-3) · Die 4-Takt-Methode · Die Methode im Überblick