Wegpunkt 1: Konflikte sind sexy — warum alles mit deinen Bedürfnissen beginnt

In dieser Folge geht es um den ersten der sechs Wegpunkte der Methode Streiten mit System: Bedürfnisse checken. Christoph Maria Michalski zeigt, warum Ärger im Konflikt nie das eigentliche Thema ist, sondern der Bote eines unerfüllten Bedürfnisses — und welche drei Fragen vor einem schwierigen Gespräch die Lage klären.

Du sitzt am Küchentisch. Der Satz ist raus, und jetzt ist es still — eine Stille wie ein nasser Pullover. Die meisten Menschen sagen in diesem Moment lieber nichts. Und der Konflikt zieht sich zurück und wartet.

In dieser Folge lernst du den ersten von sechs Wegpunkten: Bedürfnisse checken. Warum deine Wut nie das eigentliche Thema ist, sondern nur der Bote — und welche Frage dir vor jedem schwierigen Gespräch eine Landkarte in die Hand gibt.

In dieser Folge

  • Warum so viele Menschen im Streit verstummen — und warum es fast nie am Mut liegt
  • Mein zentraler Satz: Emotionen sind Botschafter von Bedürfnissen
  • Die drei großen Bedürfnisse: Sicherheit, Zugehörigkeit, Wachstum
  • Das Bild der drei Regentonnen — welche ist bei dir gerade leer, welche beim anderen?
  • Herr Müller und sein Chef: wie aus „Mein Chef nervt“ eine präzise Erkenntnis wird
  • Warum Bedürfnisse nicht nur der Schlüssel sind, sondern manchmal auch das Hindernis — meine Geschichte vom Tauchen mit Asthma
  • Die drei Fragen, die du dir vor jedem schwierigen Gespräch stellst
  • Eine Mini-Übung zum Mitnehmen

Merksatz der Folge: Konfliktmanagement braucht Bedürfnischecks. Bevor du den Mund aufmachst, schau in die Tonnen. Deine und seine.

Kapitel

  • 0:36  Kaltöffner: der nasse Pullover
  • 1:45  Begrüßung
  • 2:32  Haltung oder Methodik? Das Ruderboot
  • 5:13  Die Roadmap: sechs Wegpunkte
  • 6:53  Die Mondscheinsonate — warum Üben alles ist
  • 7:57  Warum wir im Streit verstummen
  • 9:24  Emotionen sind Botschafter von Bedürfnissen
  • 10:44  Die drei Bedürfnisse und die Regentonnen
  • 12:18  Die Szene mit Herrn Müller
  • 15:34  Wenn Bedürfnisse zum Hindernis werden
  • 19:07  Die drei Fragen für dein Gespräch
  • 21:08  Mini-Übung zum Mitnehmen
  • 22:28  „Du hörst mir überhaupt nicht zu!“
  • 24:06  Ausblick: Sabine und die Bedürfnisbrille

Transkript

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Intro

Was wäre, wenn du dich auf deinen nächsten Streit freuen könntest? Nicht, weil du gewinnst. Sondern weil du endlich weißt, was du tust. Das hier ist „Streiten mit System“ – der Konflikt-Podcast. Ich bin Christoph Maria Michalski. Alle sagen dir, WAS du tun sollst. Ich zeige dir, WIE es geht. Konflikte sind sexy – und warum alles mit deinen Bedürfnissen beginnt.

Kaltöffner: der nasse Pullover

Stell dir vor, du sitzt am Küchentisch. Gegenüber jemand, mit dem du dich gerade so richtig verhakt hast – die Partnerin, der Kollege, dein Bruder, egal. Der Satz, der zwischen euch hängt, ist schon raus, und jetzt ist es still. So eine Stille, die sich anfühlt wie ein nasser Pullover. Du spürst genau: Sag jetzt das Falsche, und es kippt. Sag gar nichts – und es kippt auch, nur langsamer.

Die meisten Menschen wählen in diesem Moment die zweite Variante: Sie sagen lieber nichts. Sie schlucken, sie weichen aus, sie machen ein Späßchen oder räumen die Spülmaschine ein. Und der Konflikt? Der verschwindet nicht. Der zieht sich nur zurück und wartet. Ich finde: Das ist schade. Denn genau in diesem unbequemen Moment liegt eine Chance, die kaum jemand nutzt. Und deshalb sage ich, mit voller Absicht und gegen jedes Bauchgefühl, das du jetzt vielleicht hast: Konflikte sind sexy!

Begrüßung

Herzlich willkommen. Mein Name ist Christoph Maria Michalski, und das ist der Podcast „Streiten mit System“. In dieser Folge geht es um die Grundhaltung, die alles verändert – und um den ersten von sechs Wegpunkten, mit denen du eine Auseinandersetzung nicht mehr erleidest, sondern führst. Ich verspreche dir nichts Esoterisches – keine Atemübung, nach der sich alle lieb haben.

Sondern ein System. Etwas, das du anwenden kannst, schon im nächsten Gespräch. Aber bevor wir zum Werkzeugkasten kommen, müssen wir kurz über etwas reden, worüber sich erstaunlich viele Menschen streiten – nämlich, wie man Streit überhaupt angeht.

Haltung oder Methodik? Das Ruderboot

Es gibt da scheinbar zwei Lager. Das eine sagt: Arbeite zuerst an deiner Haltung, an deiner inneren Einstellung zu Konflikten. Wenn sich die ändert, dann kannst du auch mit Werkzeugen etwas anfangen. Erst der Kopf, dann die Hand. Das andere Lager sagt genau das Gegenteil: Nimm dir Werkzeuge, lerne ein paar Kommunikationsmodelle, wende sie an – und dann verändert sich ganz von selbst dein Blick auf Konflikte und damit deine Haltung.

Erst die Hand, dann der Kopf. Huhn oder Ei? Ich gebe zu: Mir sind solche Entweder-oder-Mechanismen von Natur aus suspekt. Täter oder Opfer. Großzügig oder geizig. Hundert Prozent Einsatz oder faul. Freund oder Feind. Das Leben präsentiert sich gern in diesen harten Extremen – aber so funktioniert es fast nie. In Familie und Beruf sind Kompromisse über neunzig Prozent des Alltags.

Die Wahrheit wohnt selten am Rand. Sie wohnt in der Mitte, im Sowohl-als-auch. Deshalb biete ich dir eine dritte Variante an – eine Verwebung der beiden. Haltung und Methodik schaukeln sich gegenseitig in die Höhe. Stell dir ein Ruderboot vor. Wenn du nur mit einem Ruder arbeitest, kommst du auch voran – aber du drehst dich im Kreis. Erst wenn beide Ruder ziehen, bewegst du dich wirklich vorwärts.

Methodik ist das eine Ruder, Haltung das andere. Deshalb fange ich in meinen Seminaren und Beratungen sofort mit dem System an. Wir benennen den Konflikt, und dann legen wir ihn ohne Umschweife unter das Mikroskop und gehen die einzelnen Schritte durch. Und dann passiert etwas Magisches: Aus den ersten kleinen Erfolgen wächst Vertrauen. Das Misstrauen gegenüber Konflikten bröckelt, und an seine Stelle tritt so etwas wie Freude – die Freude darüber, dass du es selbst in die Hand nehmen kannst, etwas zu bewegen.

Die eigene Klarheit bringt Licht ins Dunkel. Und die Handlungsmuster kommen gleich mit. Aus dem Verständnis der einzelnen Schritte ergibt sich das richtige Verhalten, fast wie von Zauberhand. Kommen wir zum eigentlichen System.

Die Roadmap: sechs Wegpunkte

Mein Ausgangssatz dazu ist simpel und unbequem zugleich: Konflikte wollen geführt werden. Nicht ausgesessen, nicht weggeatmet, nicht gewonnen – geführt! Dazu brauchst du einen Weg, eine Roadmap. Sechs Wegpunkte, die du nacheinander durchschreitest. Sechs Fokuspunkte, die dir helfen, die Komplexität und die Dynamik eines Konflikts in den Griff zu bekommen. Jeder Wegpunkt richtet deine Aufmerksamkeit auf einen ganz bestimmten Aspekt. Der erste auf die Bedürfnisse. Der zweite auf die Kategorie des Gesprächs.

Der dritte auf deine Ziele, die offenen und die verborgenen. Der vierte auf den Einstieg, also den ersten Satz. Der fünfte auf die Widerstände, die kommen werden. Und der sechste auf das Handeln, das am Ende daraus folgt. Eins vorweg, damit du dich nicht verkrampfst: Die Reihenfolge ist nicht in Stein gemeißelt. Es kann gut sein, dass dir bei Wegpunkt drei ein Licht aufgeht, das dich zu Wegpunkt eins zurückspringen lässt, weil sich deine Perspektive verändert hat und die ursprüngliche Idee vielleicht nicht mehr die beste ist.

Das ist kein Fehler. Das ist das System bei der Arbeit. Ich selbst notiere mir unter jedem Wegpunkt stichwortartig meine Gedanken, damit ich jederzeit zurückspringen und prüfen kann: Passt das noch? Und ich will ehrlich zu dir sein:

Die Mondscheinsonate — warum Üben alles ist

Das Ganze ist Übungssache. Stell dir vor, du willst Klavier spielen lernen, und dein Ziel ist Beethovens Mondscheinsonate – flüssig und gefühlvoll. Am Anfang sitzt du vor diesem wunderschönen Instrument und scheiterst schon daran, die richtigen Tasten zu finden. Die Finger steif, die Noten wie Hieroglyphen, der Klang … nennen wir ihn individuell. Und dann kommt die Magie der Grundlagen.

Tonleitern, rauf und runter. Rechte Hand, linke Hand, langsam, ohne jede Dramatik. Es fühlt sich endlos an. Bis eines Tages, fast wie von Zauberhand, deine Hände über die Tasten fließen und Beethoven erklingt. Genauso ist es mit dem Konfliktsystem. Und am Ende merkst du: Der Weg dorthin war mindestens so wertvoll wie das Ergebnis. Heute nehmen wir uns den ersten Wegpunkt vor – den wichtigsten Türöffner überhaupt: deine Bedürfnisse.

Warum wir im Streit verstummen

Lass uns zuerst verstehen, warum dieser nasse-Pullover-Moment vom Anfang überhaupt entsteht. Warum verstummen so viele Menschen im Konflikt? Meine Antwort: Es liegt fast nie an mangelndem Mut. Es liegt an der Unsicherheit im Umgang mit Emotionen. Im Streit kocht etwas hoch, ein Gefühlssturm, der uns komplett verwirrt. Und weil wir Angst haben, etwas Falsches zu sagen oder etwas gefühlt Falsches zu tun, machen wir lieber gar nichts.

Lieber Schweigen als ein Fehler. Lieber nasser Pullover als Scherbenhaufen. Das Problem dabei: Schweigen löst nichts. Und Emotionen rauszulassen, ungefiltert, oft auch nicht. Denn wenn ich dir mein Gefühl an den Kopf werfe – „Ich bin sauer“, „Du machst mich wahnsinnig“, „Immer dasselbe mit dir“ – dann landet das bei dir als Angriff. Und auf einen Angriff reagiert kein Mensch mit Einsicht. Er reagiert mit Verteidigung.

Genau deshalb erschweren ungefilterte Emotionsäußerungen die Konfliktlösung erheblich. Wir brauchen also einen Umweg. Einen Weg, über das zu sprechen, was uns wirklich bewegt, ohne den anderen zu verletzen. Und dieser Umweg führt über die Bedürfnisse.

Emotionen sind Botschafter von Bedürfnissen

Emotionen sind Botschafter von Bedürfnissen. Das ist einer meiner zentralen Sätze, und ich möchte, dass er hängen bleibt: Emotionen sind Botschafter von Bedürfnissen. Ein Gefühl ist nie das eigentliche Thema. Ein Gefühl ist ein Bote. Es klopft an und sagt: Hier ist etwas, das dir wichtig ist, und es ist gerade nicht in Ordnung. Die Wut, die Enttäuschung, das mulmige Gefühl im Bauch – das sind keine Störungen, die du wegmachen musst.

Das sind Hinweise. Boten, die dir die Adresse eines Bedürfnisses überbringen. Und sobald du anfängst, hinter das Gefühl zu schauen, auf das Bedürfnis dahinter, passiert etwas Erstaunliches: Aus einem diffusen Gefühlssturm wird Klarheit. Du kannst plötzlich darüber reden. Denn – und das ist der entscheidende Punkt – über Bedürfnisse können wir sprechen, ohne andere zu verletzen.

Ein Bedürfnis zu äußern ist eine Ich-Botschaft. „Mir ist Verlässlichkeit wichtig“ – kein Angriff. „Ich brauche das Gefühl, dass man mir etwas zutraut“ – das ist kein Vorwurf. Es ist eine offene Hand, keine Faust.

Die drei Bedürfnisse und die Regentonnen

Jetzt wird es konkret. Ich arbeite mit drei großen Bedürfnissen, auf die sich erstaunlich viel zurückführen lässt: Sicherheit, Zugehörigkeit und Wachstum. Sicherheit – das ist der Wunsch nach Verlässlichkeit, nach Boden unter den Füßen, nach Kalkulierbarkeit. Dass die Dinge halten, auf die ich mich verlasse. Zugehörigkeit – das ist der Wunsch, dazuzugehören, gesehen zu werden, Teil von etwas zu sein, an einem Strang zu ziehen, nicht außen vor zu stehen.

Wachstum! Das ist der Wunsch, sich zu entwickeln, Neues zu lernen, voranzukommen, etwas zu wagen, größer zu werden, als man gestern war. Und jetzt das Bild, das ich am liebsten benutze, weil es sofort funktioniert: Stell dir diese drei Bedürfnisse wie Regentonnen vor. Jede hat einen Pegelstand. Mal ist eine randvoll, mal steht eine andere bedenklich niedrig. Im Konflikt lohnt sich genau diese Frage:

Welche meiner Tonnen ist gerade leer? Welche ist beim anderen leer? Denn ein Mensch, dessen Tonne Zugehörigkeit auf zwanzig Prozent steht, verhält sich anders als einer, dessen Tonne Sicherheit überläuft. Wer die Pegelstände kennt, streitet nicht mehr über das Symptom an der Oberfläche – er redet über das, was wirklich fehlt.

Die Szene mit Herrn Müller

Lass mich das mal an einem echten Gespräch zeigen. Nennen wir den Gesprächspartner Herrn Müller. Er kommt zu mir in die Beratung, sichtlich genervt von seinem Chef. Der Chef, sagt er, traue ihm scheinbar so wenig zu. Kontrolliere alles, hake ständig nach, lasse ihn nicht laufen. Wenn ich jetzt anfinge, mit ihm in eine therapeutische Endlosschleife zu gehen – „Und was glauben Sie, warum macht Ihr Chef das?“

„Und was macht das mit Ihnen?“ – dann hätten wir ein nettes Selbsterfahrungsgespräch, aber keinen Schritt in Richtung Lösung. Verstehen Sie mich nicht falsch: In einem Selbsterfahrungskurs ist diese Reise zu sich selbst absolut wertvoll. Aber wir wollen hier den Konflikt führen – nicht uns selbst archäologisch ausgraben. Also mache ich jetzt den Move zur Lösung. Ich frage Herrn Müller: Welches der drei Bedürfnisse wird denn bei diesem Verhalten Ihres Chefs getriggert?

Herr Müller reibt sich den Dreitagebart, und man sieht förmlich, wie sein Gehirncomputer auf Hochtouren läuft. „Dass er mir scheinbar so wenig zutraut.“ Und ich frage ihn: In welches Bedürfnis würden Sie das Wort „zutrauen“ einsortieren? Er überlegt. „Es hat auf jeden Fall was mit Zugehörigkeit zu tun. Dass wir alle zusammen an einem Strang ziehen. Aber ich bin mir unsicher, was er über meine Leistungsfähigkeit denkt – und das hat ja Auswirkungen auf meine Karriere und mein Wachstum.“

Also alle drei, sage ich. Und jetzt hole ich die Regentonnen hervor: Wenn Sie sich Ihre Bedürfnisse als drei Tonnen vorstellen – auf welchem Pegelstand stehen die gerade? Jetzt wird Herr Müller konkret. „Also, die Tonne Wachstum ist durch andere Dinge gut gefüllt, muss ich sagen. Achtzig Prozent! In meinem Job fühle ich mich sicher, auch achtzig. Aber die Zugehörigkeit, dieses Zutrauen in meine Fähigkeiten – da merke ich, das sind maximal vierzig Prozent.“

Und genau da ist sie: die Klarheit. Wir müssen jetzt nicht um Nachkommastellen feilschen. Aber aus einem diffusen „Mein Chef nervt“ ist über den Umweg der Bedürfnisse eine präzise Erkenntnis geworden. Es geht Herrn Müller nicht um die Kontrolle an sich – es geht ihm darum, dass seine Tonne Zugehörigkeit leerläuft, dass er nicht das Gefühl hat, dass man ihm vertraut. Und genau über dieses Bedürfnis kann er mit seinem Chef sprechen, ohne ihm einen Vorwurf zu machen.

Und das ist der Unterschied zwischen „Sie kontrollieren mich ständig“ und „Mir ist wichtig, zu spüren, dass Sie mir das zutrauen.“

Wenn Bedürfnisse zum Hindernis werden

Jetzt könntest du denken: Schön, dann checke ich eben meine Tonnen, und gut ist. Aber so einfach ist es nicht. Und das will ich dir an einer Geschichte erzählen, die mir selbst gehört. Ich schwebe zwanzig Meter unter der Meeresoberfläche. Türkische Ägäis, der erste Tauchgang nach der Prüfung. Das Wasser steigt mir bis an die Nasenkante, und ich frage mich ernsthaft, ob das hier eine gute Idee ist.

Denn die Sache hat einen Haken. Als Kind war ich schmächtig, viel verspottet – heute würde man Mobbing dazu sagen. Ich habe das mit Sport kompensiert: Judo, Jiu-Jitsu, Handball, Leichtathletik – ich war fast jeden Tag unterwegs. Verletzungen und Erkältungen gehörten dazu. Und irgendwann, in Verbindung mit dem jugendlichen Rauchen, schlich sich das Asthma in mein Leben. Später kamen in den Stressphasen als Geschäftsführer noch Allergien dazu, die mir in jedem Frühling auf die Lunge schlugen.

Ich kann mich an Panikattacken erinnern, bei denen ich nach Luft rang und schlicht versuchte, am Leben zu bleiben – an nächtliche Besuche in Notaufnahmen, die sich in mein Gedächtnis gebrannt haben. Einmal, 1998, hatte ich mit großem Aufwand Logenkarten für die Semperoper in Dresden organisiert, Cecilia Bartoli, ein fantastisches Konzert – und die vierhundert Meter vom Hotel zur Oper musste ich mit dem Taxi fahren, weil ich wieder einen Asthmaanfall hatte. Vierhundert Meter. Im Taxi.

Und da steht natürlich die berechtigte Frage: Warum taucht so einer überhaupt? Die Antwort ist Wegpunkt eins in Reinform. Mein Bedürfnis nach Wachstum, in Gestalt der puren Neugier, liefert sich einen Wettstreit mit meinem Bedürfnis nach Sicherheit. Das eine will ausprobieren, Neues erleben, etwas wagen. Und das andere, die bronchiale Sicherheit, quatscht ununterbrochen dazwischen:

Lass das lieber. Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Verstehst du, was ich damit sagen will? Bedürfnisse sind nicht nur der Schlüssel zur Lösung. Sie sind manchmal auch das Hindernis. Sie ziehen in verschiedene Richtungen. Die Kunst liegt nicht darin, eines abzuschalten, sondern die Balance zwischen ihnen zu finden – abzuwägen, ohne in eine Starre zu fallen. Bei meinen Tauchgängen tauchen bis heute Spuren der alten Panik wieder auf, und ich muss meine gelernten Mentaltechniken dagegen einsetzen.

Das ist der Preis, den ich zahle, um diesen wunderbaren Schwebezustand zu erleben. Ich bin Marathon gelaufen. Lächelnd über die Ziellinie, ohne Sauerstoffzelt im Anschluss. Laufen ist für mich die tägliche Meditation geworden – die Belüftung von Lunge und Geist. Und gleichzeitig eine Mahnung: meine Bedürfnisse jeden Tag neu auszutarieren und für genügend Belüftung zu sorgen.

Die drei Fragen für dein Gespräch

Drehen wir es jetzt auf dich. Du musst weder tauchen noch Marathon laufen. Aber du hast deine drei Tonnen – und die hat auch der Mensch, mit dem du dich gerade verhakt hast. Der erste Wegpunkt ist deshalb kein großes Manöver. Es ist eine stille, ehrliche Frage, die du dir vor schwierigen Gesprächen stellst. In drei Schritten. Erstens: Welches Gefühl ist gerade bei mir? Nicht wegdrücken, nur benennen: Ärger, Enttäuschung, Unruhe.

Zweitens: Wovon ist dieses Gefühl der Bote? Welche meiner drei Tonnen – Sicherheit, Zugehörigkeit, Wachstum – läuft gerade leer? Und auf welchem Pegelstand steht sie, grob geschätzt? Und drittens, die Frage, die alles dreht: Welche Tonne ist wohl beim anderen leer? Was braucht der gerade, damit sie nicht leerläuft? Denn der andere streitet auch nie über das Symptom. Er streitet über seine leere Tonne – die er vielleicht gar nicht selbst benennen kann.

Wenn du diese drei Fragen vor dem Gespräch durchgehst, hast du etwas in der Hand, das die meisten Menschen im Streit nie haben: eine Landkarte. Du weißt, worum es wirklich geht. Du kannst über dein Bedürfnis sprechen, in einer Ich-Botschaft, ohne den anderen in die Verteidigung zu treiben. Und das ist der Move. Das ist der Anfang von souveräner Konfliktführung. Deshalb mein Merksatz für heute – und damit fasse ich den ersten Wegpunkt zusammen:

Konfliktmanagement braucht Bedürfnischecks. Bevor du den Mund aufmachst, schau in die Tonnen. Deine und seine.

Mini-Übung zum Mitnehmen

Eine Mini-Übung zum Mitnehmen: Such dir, ganz konkret, einen kleinen ungelösten Konflikt aus dem Alltag. Das muss nichts Dramatisches sein, ruhig etwas Mittelgroßes: der Streit ums Aufräumen, die Sache mit dem Kollegen, der dich übergangen hat, der Ton deiner Schwester am Telefon. Und jetzt nimm dir zwei Minuten und beantworte drei Fragen – schriftlich, das ist besser. Erstens: Welches Gefühl steckt bei mir drin?

Zweitens: Welches Bedürfnis ist der Bote dahinter – Sicherheit, Zugehörigkeit, Wachstum – und wie voll ist die Tonne? Und drittens: Welche Tonne ist beim anderen leer? Du wirst überrascht sein, wie sehr sich allein durch diese drei Fragen die Temperatur des Konflikts verändert. Nicht weil sich etwas an der Sache geändert hätte, sondern weil sich etwas an deinem Blick darauf geändert hat.

Damit haben wir den ersten Wegpunkt gesetzt: Bedürfnisse checken. Wir wissen jetzt, was unter der Oberfläche brodelt – bei uns und beim anderen.

„Du hörst mir überhaupt nicht zu!“

„Du hörst mir überhaupt nicht zu!“ Hör dir diesen Satz nochmal an. „Du hörst mir überhaupt nicht zu.“ Was ist denn das? Rein grammatikalisch ist es eine Feststellung über den anderen. Gefühlt ist es ein Vorwurf. Und in Wahrheit ist es keins von beiden: Es ist ein Bote. Erinnerst du dich? Emotionen sind Botschafter von Bedürfnissen. Und dieser Satz ist ein Bote, der ziemlich laut an die Tür hämmert.

Die Frage ist nur: Welche Adresse steht auf dem Umschlag? Schau auf die drei Regentonnen: Sicherheit, Zugehörigkeit, Wachstum. Welche? Bei jedem, der so etwas ruft: fast immer die Zugehörigkeit. Also der Mensch sagt nicht: Deine Ohren funktionieren nicht. Er sagt: Ich komme bei dir nicht vor. Und jetzt der entscheidende Unterschied. Wenn du den Satz als Vorwurf hörst, antwortest du: Das stimmt doch gar nicht.

Ich habe dir sehr wohl zugehört. Ich kann dir sogar wiederholen, was du gesagt hast. Und du hast recht – und trotzdem verloren. Weil du gegen die Tatsachen argumentierst, während der andere von seinem Pegelstand redet. Wenn du diesen Satz als Boten hörst, sagst du etwas anderes. Zum Beispiel: Ich merke, du hast gerade das Gefühl, du kommst bei mir nicht an. Ein Satz. Keine Verteidigung, keine Zustimmung. Nur die Adresse laut vorgelesen. Und der Bote ist zufrieden.

Ausblick: Sabine und die Bedürfnisbrille

Ein Bote will nur eins: dass jemand die Tür aufmacht. Bevor du gehst – erinnerst du dich noch an Sabine? Die Chefin aus der ersten Folge, die nicht nett ist, sondern bequem. Sie hat die Bedürfnisbrille aus dieser Folge aufgesetzt und zwei Wochen lang ihre Mitarbeiterin beobachtet. Was sie dabei gefunden hat, war nicht das Problem, das sie gesucht hat – es war ein anderes. Und es hatte mit ihr selbst zu tun.

Die ganze Geschichte gibt’s in ein paar Tagen in einer kurzen Folge zwischen den Wegpunkten.

Outro

Bis dahin: Das war „Streiten mit System“. Wenn du beim nächsten Streit nicht mehr sprachlos sein willst: Abonnier diesen Podcast! Ein Klick – und du verpasst keine Folge. Wenn du jetzt schon etwas in der Hand haben willst: Auf streiten-mit-system.de warten meine zwölf Soforthilfe-Impulse auf dich. Kostenlos, sofort anwendbar, genau für den Streit, den du gerade vor dir herschiebst.

Wer tiefer einsteigen will: Alles zusammen steht in meinem Buch „Streiten mit System“. Alle Links in den Shownotes. In der nächsten Folge zeige ich dir, worüber du in Wahrheit streitest. Kleiner Hinweis: Es ist nie das, worüber ihr redet. Ich bin Christoph Maria Michalski. Mach es gut – und streite klüger.

Links zur Folge

Hinweis: Das Coverbild wurde mit Hilfe von KI erstellt.

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Über den Podcast

„Streiten mit System“ ist der Podcast von Christoph Maria Michalski, dem Konfliktnavigator.

Streiten mit System ist seine Methode zur Konfliktklärung, die einen Konflikt in sechs Schritte gliedert: Bedürfnisse checken, Kategorien steuern, Ziele abwägen, Einstieg üben, Widerstände lösen, Handeln strukturieren.

  1. Bedürfnisse checken — worum es wirklich geht
  2. Kategorien steuern — welche Art von Konflikt vorliegt
  3. Ziele abwägen — was erreichbar ist
  4. Einstieg üben — wie das Gespräch beginnt
  5. Widerstände lösen — was dagegenhält
  6. Handeln strukturieren — was danach passiert

Buch dazu: „Streiten mit System. Wie du lernst, Konflikte zu lieben“ (ISBN 978-3-86980-771-3).


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