Zwischenfolge: Sabine probiert’s — was die Bedürfnisbrille bei ihr angerichtet hat
Erste Zwischenfolge. Sabine berichtet, was der erste Wegpunkt — Bedürfnisse checken — in ihrem Alltag verändert hat, und wo die Methode auf ihre Gewohnheiten trifft.
Sabine hat zwei Dinge versprochen: nachts nicht mehr proben und das Gespräch mit ihrer Mitarbeiterin führen. Zwei Wochen später hat sie das eine geschafft, das andere nicht — und dabei etwas gefunden, das sie nicht gesucht hat.
Eine kurze Folge zwischen den Wegpunkten. Kein neues Werkzeug: Wir schauen nach, was Wegpunkt 1 draußen in der Wirklichkeit angerichtet hat.
In dieser Folge
- Warum das Nicht-mehr-Proben schwerer ist als gedacht — und was ein Glas Wasser um zwei Uhr nachts damit zu tun hat
- Die Frage, die alles umdreht: nicht „Was macht die falsch?“, sondern „Was braucht die?“
- Der unangenehme Moment: Nach sechs Jahren Zusammenarbeit weiß Sabine nicht, was ihre Mitarbeiterin braucht — aber sie führt eine gepflegte innere Liste über deren Fehler
- Kein Können-Problem, ein Sicherheits-Problem: warum Fehler nur bei Neuem passieren
- Der Satz, der wehtut: „Meine Harmonie ist ihr Nebel.“
- Warum ich es gut finde, dass sie das Gespräch noch nicht geführt hat
- Und die Warnung, die für alle gilt: Verstehen ist angenehm. Die Analyse kann das nächste Sättigungsmittel werden. Der Ersatz macht satt.
Kapitel
- 0:29 Nachfassen statt neues Werkzeug
- 1:12 Das Glas Wasser um zwei Uhr nachts
- 1:48 Was die Bedürfnisbrille verändert hat
- 2:45 Beobachten statt bewerten
- 3:31 „Meine Harmonie ist ihr Nebel“
- 4:08 Warum das ungeführte Gespräch gut ist
- 4:56 Analyse als Sättigungsmittel
- 5:25 Die Hausaufgabe
Transkript
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Intro
MICHI: Was wäre, wenn du dich auf deinen nächsten Streit freuen könntest? Nicht, weil du gewinnst. Sondern weil du endlich weißt, was du tust. Das hier ist „Streiten mit System“ – der Konflikt-Podcast. Ich bin Christoph Maria Michalski. Alle sagen dir, WAS du tun sollst. Ich zeige dir, WIE es geht.
Nachfassen statt neues Werkzeug
MICHI: Willkommen zurück bei „Streiten mit System“. Das hier ist eine kurze Folge zwischen den Wegpunkten. Kein neues Werkzeug heute. Heute schauen wir nach, was das letzte Werkzeug draußen in der Wirklichkeit angerichtet hat. Am Telefon: Sabine Kröger. Sabine, in der ersten Folge hast du zwei Dinge versprochen. Erstens: nachts nicht mehr proben. Zweitens hast du zugegeben, dass du ein Gespräch mit einer Mitarbeiterin vor dir herschiebst, weil du gemocht werden willst.
MICHI: Seitdem ist der erste Wegpunkt draußen: Bedürfnisse. Was ist passiert?
Das Glas Wasser um zwei Uhr nachts
SABINE: Erst mal – das mit dem Nicht-Proben ist schwerer als gedacht. Ich habe es drei Nächte geschafft. In der vierten habe ich mich um zwei Uhr dabei erwischt, wie ich im Kopf schon wieder den perfekten Einleitungssatz schleife.
MICHI: Und dann?
SABINE: Dann habe ich mir gesagt: Sabine, du verbrauchst gerade wieder deinen Mut in der Generalprobe. Und bin tatsächlich – das klingt jetzt albern – aufgestanden und habe mir ein Glas Wasser geholt. Als Unterbrechung. Hat funktioniert.
MICHI: Ist nicht albern. Das ist ein Muster durchbrechen.
Was die Bedürfnisbrille verändert hat
MICHI: Jetzt zum Wegpunkt. Du hast die Folge über Bedürfnisse gehört. Was hat sie mit deinem Fall gemacht?
SABINE: Sie hat ihn umgedreht. Ich dachte immer, das Problem sei: Die Arbeit von Frau – nennen wir sie Frau M. – reicht nicht. Und ich muss ihr das beibringen. Das war meine Geschichte. Und dann sitze ich da mit dieser Bedürfnisbrille und stelle die Frage anders: Was braucht die eigentlich? Nicht: Was macht die falsch. Sondern: Was braucht die?
MICHI: Und?
SABINE: Da wurde es unangenehm, weil mir aufgefallen ist: Ich weiß es nicht. Elf Jahre bin ich Chefin, die Frau ist seit sechs Jahren bei uns – und ich habe keine Ahnung, was sie braucht. Ich weiß, was sie falsch macht. Ich habe eine gepflegte innere Liste. Aber was ihr fehlt? Keine Ahnung.
MICHI: Das ist ehrlich. Hast du eine Vermutung entwickelt?
Beobachten statt bewerten
SABINE: Ich habe angefangen zu beobachten statt zu bewerten. Zwei Wochen lang. Und mir ist etwas aufgefallen: Frau M. macht ihre Fehler fast nie bei Routineaufgaben. Sie macht sie, wenn etwas neu ist und niemand ihr gesagt hat, wie es laufen soll. Dann entscheidet sie nicht – sie rät.
MICHI: Was liest du daraus?
SABINE: Dass da vielleicht gar kein Können-Problem ist, sondern ein Sicherheits-Problem. Sie traut sich nicht zu fragen. Und jetzt kommt der Teil, der wehtut: Warum traut die sich nicht zu fragen? Vielleicht, weil die Chefin so wahnsinnig darauf bedacht ist, dass immer alle gut gelaunt sind. Bei uns wird nicht kritisiert, bei uns wird gelächelt. Wer bei uns fragt, stört die schöne Stimmung.
„Meine Harmonie ist ihr Nebel“
MICHI: Moment. Du sagst gerade: Dein Bedürfnis, gemocht zu werden, hat ein Klima gebaut, in dem ihr Bedürfnis nach Sicherheit verhungert.
SABINE: Wenn du es so zusammenfasst, klingt es wie eine Diagnose. Aber ja. Meine Harmonie ist ihr Nebel. Sie kann bei mir nicht erkennen, wo sie steht, weil ich immer freundlich gucke – auch wenn ich innerlich Listen führe.
MICHI: Das ist der erste Wegpunkt in Reinform. Hinter dem Verhalten, das dich stört, sitzt ein Bedürfnis. Und hinter deinem Vermeiden sitzt auch eins.
Warum das ungeführte Gespräch gut ist
MICHI: Jetzt die kritische Frage: Hast du das Gespräch geführt?
SABINE: Nein.
MICHI: Gut.
SABINE: Wie – gut? Ich dachte, du schimpfst jetzt.
MICHI: Nein. Denn du hast etwas Wichtigeres getan: Du weißt jetzt, worüber das Gespräch gehen muss. Vorher wolltest du ein Gespräch führen über „Ihre Arbeit reicht nicht“. Das wäre schiefgegangen. Jetzt hast du ein Gespräch vor dir über: Was brauchen Sie, um bei Neuem sicher zu entscheiden? Und was mache ich, das Sie am Fragen hindert? Das ist ein komplett anderes Gespräch.
SABINE: Es fühlt sich auch anders an. Weniger wie ein Tribunal. Eher wie … Werkstatt.
Analyse als Sättigungsmittel
MICHI: Und trotzdem – und das sage ich für alle, die zuhören und sich jetzt gemütlich einrichten: Beobachten und verstehen ist noch kein Konflikt führen. Es ist die Vorbereitung. Die Gefahr ist, dass die Analyse das nächste Sättigungsmittel wird. Du erinnerst dich: Der Ersatz macht satt.
SABINE: Ja, ich merke das schon. Verstehen ist angenehm. Man kommt sich klug dabei vor und muss mit niemandem reden.
Die Hausaufgabe
MICHI: Deshalb kriegst du eine Hausaufgabe, bevor wir zum zweiten Wegpunkt gehen. Keine große. Du beobachtest weiter, aber diesmal in eine bestimmte Richtung. In der nächsten Folge geht es darum, dass Konflikte in Kategorien ablaufen – Debatte, Spiel, Kampf. Achte mal darauf, in welchem Modus ihr beide seid, wenn ihr miteinander sprecht. Du und Frau M. Nur beobachten. Wir sprechen uns danach.
SABINE: In welchem Modus wir sind. Ich fürchte, ich kenne die Antwort schon: in gar keinem. Wir spielen beide Theater.
MICHI: Auch Theater ist eine Kategorie. Darüber reden wir. Danke, Sabine!
SABINE: Bis bald. Und Christoph – das mit dem Wasserglas nachts: Das war deine beste Methode bisher, und sie stand in keiner Folge.
MICHI: Manchmal ist das WIE ein Wasserglas. Bis zum nächsten Wegpunkt. Und wenn du wissen willst, warum du mit manchen Menschen nie streitest, sondern nur aneinander vorbeiredest: Die nächste Folge heißt „Kategorien steuern“. Da klärt sich das.
Outro
MICHI: Das war „Streiten mit System“. Wenn du beim nächsten Streit nicht mehr sprachlos sein willst: Abonnier diesen Podcast. Ein Klick – und du verpasst keine Folge. Und auf streiten-mit-system.de warten meine zwölf Soforthilfe-Impulse auf dich. Kostenlos. Ich bin Christoph Maria Michalski. Mach es gut – und streite klüger!
Links zur Folge
- Die zwölf Soforthilfe-Impulse — kostenlos
- Das Buch „Streiten mit System“ — bei Amazon
- Folge 5: Kategorien steuern — warum ihr aneinander vorbeiredet
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Über den Podcast
„Streiten mit System“ ist der Podcast von Christoph Maria Michalski, dem Konfliktnavigator.
Streiten mit System ist seine Methode zur Konfliktklärung, die einen Konflikt in sechs Schritte gliedert: Bedürfnisse checken, Kategorien steuern, Ziele abwägen, Einstieg üben, Widerstände lösen, Handeln strukturieren.
- Bedürfnisse checken — worum es wirklich geht
- Kategorien steuern — welche Art von Konflikt vorliegt
- Ziele abwägen — was erreichbar ist
- Einstieg üben — wie das Gespräch beginnt
- Widerstände lösen — was dagegenhält
- Handeln strukturieren — was danach passiert
Buch dazu: „Streiten mit System. Wie du lernst, Konflikte zu lieben“ (ISBN 978-3-86980-771-3).
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